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Aktuelle Stellungnahme


27.03.2009

Bien venue Grande Nation: Frankreichs Rückkehr in die militärische Integration der NATO
Dr. Hans Georg Ehrhart

Die Rückkehr Frankreichs in die militärische Integration der NATO kommt einem zweiten Saint-Malo gleich. Schuf die britisch-französische Erklärung von 1998 die diplomatische Voraussetzung für den Start der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP), so könnten sich nun die Beziehungen zwischen der EU und der NATO grundlegend verändern. Militärisch ist die Reintegration zwar kein großer Zugewinn, denn Paris gehört bereits gegenwärtig zu den aktivsten Bündnismitgliedern und größten Truppenstellern in NATO-Militäroperationen. Die eigentliche Bedeutung liegt in den politischen Folgen. Die bisherige Politik fast zwanghafter Abgrenzung und demonstrativer Nicht-Kommunikation könnte einer transatlantischen Partnerschaft weichen, die dem erstmals von John F. Kennedy beschworenen und auch von Nicolas Sarkozy befürworteten Idealtypus von zwei Pfeilern in der NATO entspricht.

Paris wird künftig einen herausgehobenen Platz im Bündnis einnehmen. Die Forderung nach hochrangigen Kommandoposten wurde aus französischer Sicht zufriedenstellend erfüllt. Paris erhält gleich zwei : Mit dem Allied Command Transformation (ACT) in Norfolk, Virginia, übernimmt es eines der beiden strategischen Oberkommandos. Einerseits erhält Frankreich damit eine Schlüsselstellung in allen Fragen der konzeptionellen Entwicklung und militärischen Transformation der Allianz. Andererseits handelt es sich um einen im Vergleich zum Allied Command Operations (ACO), das für die Einsatzplanung und -führung zuständig ist, eher weniger bedeutenden Führungsposten. Als zweiten hohen Kommandoposten übernimmt Frankreich das Regionalkommando in Lissabon, welches das Hauptquartier der Schnellen Eingreiftruppe (NATO Response Force, NRF) und ein Satellitenzentrum umfasst. Paris hatte sich von Begin an stark in der NRF engagiert. Zudem hat es besondere Interessen im Bereich Weltraumaufklärung. Das militärische Establishment dürfte mit den zunächst offerierten 900 neuen Stellen in Brüssel zufrieden sein. Die Sarkozy politisch nahe stehende Rüstungsindustrie hofft auf mehr Aufträge zur Stärkung der ESVP und auf einen besseren Zugang zum amerikanischen Markt.

Die jetzige Struktur der NATO wird in Paris seit Langem als überholt angesehen. Ihre Reform ist für Paris mit der Rückkehr in die Militärintegration noch lange nicht abgeschlossen. Frankreich wird künftig wieder im Verteidigungsplanungsausschuss vertreten sein. Eine Teilnahme in der Nuklearen Planungsgruppe bleibt hingegen ausgeschlossen. Obgleich ihre Finanzierung immer schwieriger wird, bleibt die nationale Atomstreitmacht ein unverzichtbares Symbol nationaler Unabhängigkeit. Paris möchte auf jeden Fall, dass die EU ein ständiges Hauptquartier zur Planung und Führung von Militäroperationen erhält. Einen entsprechenden Vorstoß von Frankreich, Deutschland, Belgien und Luxemburg hatten insbesondere Großbritannien und die USA 2003 noch brüsk abgelehnt. Fünf Jahre später wird darüber ernsthaft verhandelt. Der größte Widerstand scheint mittlerweile aus London zu kommen und nicht mehr aus den USA.

Im französischen Weißbuch von 2008 finden sich drei weitere Reformideen. Erstens soll sich die NATO primär auf Aufgaben nach Artikel 5 konzentrieren, aber auch im Bereich der Krisenbewältigung aktiv sein, allerdings nicht auf den Feldern ziviler Sicherheit und humanitärer Hilfe. Zweitens umfasst eine Erneuerung der NATO eine bessere Aufgabenteilung zwischen Amerikanern und Europäern, die ihren organisatorischen Ausdruck innerhalb der Allianz finden muss. Drittens plädiert Frankreich für eine Verbesserung der Planungsverfahren und eine Rationalisierung der Kommandostrukturen.
Paris geht eine Wette auf die Zukunft ein. Eine endgültige Bewertung dieses Schritts hängt davon ab, ob und wie die NATO-Struktur reformiert wird und ob sich das positiv auf die Stärkung der ESVP auswirkt. Paris geht es dabei nicht um militärische Fragen, sondern um politische Ziele:

· Sein Einfluss in der sich verändernden NATO soll vergrößert werden, so dass der Prozess kontrollierbarer wird.
· Die ESVP soll zu einem gleichgewichtigen Partner in der NATO ausgebaut werden, was auf eine Neugewichtung innerhalb der Allianz zu Gunsten der Europäer hinausläuft.
· Die EU, die NATO und die USA sollen als Akteure globaler Ordnungspolitik agieren, was die Schaffung eines informellen Direktoriums zur Folge haben könnte.

Die Beziehungen zwischen Frankreich und der NATO sind zweifelsfrei dynamischer geworden. Die operativen Herausforderungen und die neuen Bedrohungen sind sicherlich wichtige Gründe dafür. Vor allem aber ist es die Einsicht, dass sich eine „europäische Verteidigung“ besser innerhalb als außerhalb der NATO aufbauen lässt. Nur so kann das Misstrauen, das Großbritanniens und andere atlantisch orientierter EU-Mitglieder den französischen Absichten bislang entgegengebracht haben, abgebaut werden. Gleichwohl bleiben noch viele Unwägbarkeiten und offene Fragen.

In Hinblick auf die bilateralen Beziehungen bleibt abzuwarten, wie lange der französisch-amerikanische Honeymoon anhalten wird? Bezogen auf NATO und EU stellen sich folgende Fragen: Wie wird sich Frankreichs Rückkehr in die militärische Integration konkret auf die NATO auswirken? Welchen Einfluss wird sie etwa auf die laufende Erarbeitung eines neuen strategischen Konzepts haben? Welche institutionellen Reformen des Bündnisses sind konsensfähig? Ist angesichts der vielfältigen Interessenunterschiede der Ausbau eines europäischen Pfeilers möglich und was würde er für den Entscheidungsprozess der NATO bedeuten? Können und sollten die durchaus verschiedenen Rollenverständnisse von NATO und EU angeglichen werden? Ist eine Arbeitsteilung zwischen NATO und EU möglich und wie soll diese aussehen? Können und wollen die europäischen Partner die ambitionierten Pläne des französischen Staatspräsidenten überhaupt unterstützen?

Einige dieser Fragen lassen sich möglicherweise bald beantworten, bei anderen wird es wohl etwas länger dauern. Die Beziehungen zwischen Frankreich und NATO werden auch in Zukunft nicht frei von Spannungen sein. Gleichwohl eröffnet die Rückkehr Frankreichs in die militärische Integration größere Chancen, das Bündnis so zu reformieren, dass es den Anforderungen des 21. Jahrhunderts besser gerecht wird.



Kontakt:
Dr. Hans-Georg Ehrhart



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