Aktuelle Stellungnahme

18.01.2010
Aufstandsbekämpfung in Afghanistan: politische und ethische Dilemmata
Hans-Georg Ehrhart/Roland Kaestner
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit seiner Charakterisierung des Afghanistaneinsatzes
als „nicht-internationaler bewaffneter Konflikt“ Klarheit in die deutsche
Debatte gebracht. Es geht um eine kriegsähnliche Auseinandersetzung. Das Völkerrecht unterscheidet
nur noch zwischen internationalen und nicht-internationalen bewaffneten Konflikten.
Obwohl Krieg seitdem kein gültiger Rechtsbegriff mehr ist, findet er weiterhin in
Form von organisierten Gewaltkonflikten zwischen oder innerhalb von Staaten statt. Während
die Zahl der internationalen bewaffneten Konflikte seit 1949 stark rückläufig ist, steigt der
Anteil der nicht-internationalen bewaffneten Konflikte. Ihnen wird seitens staatlicher Akteure
oftmals mit dem Konzept der Aufstandbekämpfung begegnet.
Aufstandsbekämpfung ist nach heutigem Verständnis eine besondere Art der Kriegführung
durch eine (im Fall Afghanistan von außen unterstützte) Regierung gegen oppositionelle
Kräfte, die eine Kombination von offensiven, defensiven und stabilisierenden Maßnahmen
umfasst. Aufstandbekämpfung zielt auf den Sieg über einen vermeintlich „schwachen“ Gegner,
der mit traditionellen militärischen Mitteln allein nicht niedergerungen werden kann. Im
Kern geht es um ein politisches Problem: Um die Akzeptanz der jeweiligen Ordnungsvorstellungen
in der Bevölkerung. Der Erfolg soll durch eine Kombination von „Zuckerbrot“ –
politische Einbindung, entwicklungspolitische Unterstützung etc. – für die politischen Akteure
und die Teile der Bevölkerung, die mit dem Interventen kooperieren, und „Peitsche“,
also hartes militärisches Vorgehen gegen diejenigen, die dazu nicht bereit sind, erzielt werden.
Es handelt sich um einen asymmetrischen Konflikt, in dem sich der „Starke“ modernster
Kriegstechnik bedient, während der „Schwache“ alle zur Verfügung stehenden Mittel – einschließlich
terroristischer Gewaltakte – einsetzt und innerhalb der Bevölkerung operiert.
Der Stabilisierungsauftrag der NATO-geführten ISAF war und ist das ergänzende Gegenstück
zum US-geführten Kampf gegen Al Qaida und die Taliban zur Unterstützung der afghanischen
Regierung. Mittlerweile sind beide Operationen de facto unter amerikanischem Kommando
integriert. Die Verschlechterung der Sicherheitslage im Norden Afghanistans hat nicht
nur dazu geführt, dass sich die USA im von Deutschland geführten Regionalkommando Nord
immer stärker mit Spezialkräften militärisch engagieren. Die intensivierten Aktivitäten der
Aufständischen, aber auch Druck seitens der Bündnispartner und die afghanische Kritik am
zurückhaltenden deutschen Vorgehen drängen die Bundesregierung dazu, den Schwerpunkt
von der Stabilisierung hin zur Aufstandsbekämpfung zu verlagern. Dementsprechend sind die
Einsatzregeln der Bundeswehr geändert worden. Zu erwarten ist auch eine weitere materielle
und personelle Verstärkung des deutschen Kontingents. Die zunehmende militärische Aufstandsbekämpfung
könnte Deutschland und die Bundeswehr in schwerwiegende politische
und ethische Dilemmata führen.
Die Geschichte der Aufstandsbekämpfung zeigt, dass es sich dabei um die wohl älteste und
brutalste Form von Gewaltkonflikten handelt. Aufstände der unterschiedlichsten Arten hat es
in der menschlichen Geschichte häufig gegeben. Armeen der Herrschenden hatten wohl immer
die Aufgabe gesellschaftlichen Gruppierungen in Schach zu halten und Aufstände niederzuschlagen.
Die Aufstandsbekämpfung geschah bis zum Beginn der Moderne in der Regel
durch exzessive Gewaltanwendung. Diese wurde in der Moderne etwas eingehegt durch die
Aufklärung und die damit verbundenen humanistischen Normen sowie die Trennung von innerer
und äußerer Sicherheit durch Polizei und Militär. Gleichwohl blieben erfolgreiche Aufstandsbewegungen
weiterhin die Ausnahme. Erst nach 1945 schlug das Pendel zu Gunsten
von Aufstandsbewegungen um, wie etwa die Erfolge gegen die Kolonialmächte gezeigt haben.
Selbst mit brutalsten Mitteln (systematischer Terror, Folter, Massaker) geführte Aufstandsbekämpfungen
in Algerien, Vietnam und Afghanistan endeten mit Niederlagen der involvierten
Groß- und Supermächte. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Sie reichen vom stärkeren
Rückhalt der Aufständischen in der Bevölkerung und ihrer größeren Leidensfähigkeit
über die normative Einhegung der Gewalt durch das Völkerrecht bis zur Aversion postmoderner
demokratischer Gesellschaften gegen exzessive Gewaltanwendung.
Der als externer Akteur auftretende demokratische Staat scheint im asymmetrischen Konflikt
mit Aufständischen immer im Nachteil zu sein. Respektiert er die eigenen ethischen Grundsätze
und die (völker)rechtlichen Normen, so dürfte er Schwierigkeiten haben gegen einen
Gegner, dem das alles nichts bedeutet, weil er einer anderen „Rationalität“ folgt. Passt sich
der Starke den Methoden des Gegners an, so untergräbt er nicht nur die Moral der eigenen
Streitkräfte, sondern auch die ethischen Grundlagen seiner Gesellschaft. Heutige Konzepte
der Aufstandsbekämpfung suggerieren zwar, dass ein akzeptabler Weg durch den richtigen
Mix von offensiven, defensiven und stabilisierenden Maßnahmen möglich sei. Aktuelle und
historische Erfahrungen belegen aber eher das Gegenteil. Dies hat weniger mit fehlendem
gutem oder gar bösem Willen der Interventen zu tun als mit strukturellen Dilemmata bei der
militärisch gestützten Stabilisierung von schwachen Staaten bei gleichzeitiger Aufstandsbekämpfung.
Der Faktor Zeit arbeitet ebenso für die Aufständischen wie die Schwierigkeiten externer Akteure,
ihre vielfältigen zivilen und militärischen Aktivitäten angesichts unterschiedlicher Interessen
und Herangehensweisen sowie eines sehr volatilen Umfeldes effektiv zu koordinieren.
Die einen müssen nur etwas zerstören, die anderen wollen einen Staat oder gar eine andere
Gesellschaft aufbauen. Die einen werden bleiben, die anderen werden auf jeden Fall das Land
verlassen (müssen), spätestens wenn zu Hause die politische Unterstützung wegbricht oder
wenn sie im Einsatzland als Besatzer wahrgenommen werden Die einen haben die Wahl des
Zeitpunkts und der Mittel, die anderen müssen reagieren und dadurch unerwünschte Nebenfolgen
von potenziell großer Tragweite in Kauf nehmen. Die Problematik wird nahezu unlösbar,
wenn die Aufständischen über einen Rückzugsraum verfügen und über ausreichend
Nachschub an Finanzen, Material und Kämpfern. Dann stellt sich die Alternative, entweder
horizontal zu eskalieren, also die Militäroperationen auszuweiten, oder im Lande zu deeskalieren,
also das externe Militärengagement abzubauen.
Die zentralen Faktoren, warum die heutige Strategie des Westens wahrscheinlich scheitern
dürfte, sind kulturelle Differenz, begrenzte Ressourcen und die Unmöglichkeit, das Sozialverhalten
einer ganzen Gesellschaft von außen grundlegend zu verändern. Die große Gefahr ist,
dass Deutschland immer mehr in einen „schmutzigen“ Krieg hineinrutscht und dafür einen
hohen Preis zahlen muss – politisch, personell, ethisch und finanziell. Folglich ist eine Strategie
notwendig, die primär und zunehmend auf Stabilisierung mit zivilen Mitteln setzt und
dabei folgende Aspekte beherzigt:
- bescheidenere Ziele statt tief greifende gesellschaftliche Umstrukturierung;
- Afghanisierung der Sicherheit statt internationale Truppenverstärkung;
- dezentraler Governance-Ansatz statt Förderung des Zentralismus;
- lokale Entwicklung statt Finanzierung der Korruption;
- regionale Einbettung des Konflikts statt horizontaler Eskalation.
Letztlich muss die Frage beantwortet werden, ob und
wie sich Deutschland bei der Aufstandsbekämpfung in
Afghanistan einbringen soll. Wird diese Form des nicht-internationalen
bewaffneten Konflikts abgelehnt, müsste ein kurzfristiger
Abbau des militärischen Engagements die Folge sein.
Soll der Militäreinsatz mittel- oder gar längerfristig
fortgesetzt werden, so müssten sehr gute politische
Gründe im Sinne überzeugender und überprüfbarer strategischer
Ziele angeführt werden, warum Deutschland die damit
verbundenen hohen Kosten tragen sollte.
 |
 |
| Kontakt: |
Kontakt: |
| Dr.
Hans-Georg Ehrhart |
Oberst a.D. Roland Kaestner |
 |
 |
Download
Document

|