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Aktuelle Stellungnahme


19.11.2009

Afghanistan – kein „Weiter so“
Prof. Dr. Michael Brzoska

Das deutsche Afghanistan-Engagement muss grundlegend überdacht und erneuert werden. Deutschland läuft Gefahr, in einen Krieg verwickelt zu werden, der weder notwendig noch Erfolg versprechend ist. Wenn im Dialog mit der afghanischen Regierung und den Verbündeten kein Konzept für die Vermeidung eines umfassenden Krieges in Afghanistan gefunden werden kann, sollte der Einsatz deutscher Soldaten heruntergefahren und notfalls sogar ganz beendet werden.

Viele Gründe sprechen gegen ein „Weiter so“. Die Sicherheitslage hat sich seit 2005 trotz der steigenden Zahl ausländischer Soldaten zunehmend verschlechtert. In einigen Teilen Afghanistans herrscht de facto Krieg. Die Zahl der Opfer, afghanischer wie ausländischer, ist angestiegen, auf gegenwärtig mehr als 1000 pro Monat. Für die meisten Menschen in Afghanistan hat sich die wirtschaftliche Lage nicht nachhaltig verbessert. Das Vertrauen der Menschen in Afghanistan in ihre Regierung ist deutlich gesunken.
Was aber sind die Alternativen?

Für eine Beantwortung dieser Frage macht es Sinn, sich noch einmal auf die Grundlagen des Afghanistan-Engagements zu besinnen. Ausgangspunkt war die Solidarität mit den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Die Hintermänner dieser Anschläge saßen in Afghanistan – sie hätten auch in Deutschland zuschlagen lassen können. Al-Kaida war auch für Deutschland ein Sicherheitsproblem.

Das deutsche Afghanistan-Engagement hatte gute Gründe. Allerdings haben sich die Grundlagen dieses Engagements verändert. Dazu hat nicht zuletzt die Art beigetragen, wie die internationale Gemeinschaft, vor allem die USA, vorgegangen ist. Die Zerschlagung von Al-Kaida ist weitgehend gelungen – aber mit hohen Kosten. Das massive militärische Vorgehen hat das Wiederaufleben der Taliban befördert, in Afghanistan wie in verschiedenen Regionen Westpakistans.

Es gibt keine Patentrezepte für das zukünftige deutsche Engagement in Afghanistan. Aber einige Eckpunkte lassen sich benennen. Eine Ausweitung der Kampfhandlungen ist sowohl unverhältnismäßig als auch kontraproduktiv – unverhältnismäßig angesichts der Restgefahr, die Al-Kaida noch darstellt und kontraproduktiv, weil sie die Rekrutierung für die Taliban und andere erleichtert. Andererseits ist ein vollständiger Rückzug allianzpolitisch und gegenüber den afghanischen Verbündeten des Westens hoch problematisch.

Deutschland sollte auf einen weitgehenden Verzicht eigener Kampfhandlungen der Verbündeten hinwirken. Das könnte bedeuten, dass sich die eigenen Soldaten auf wenige Regionen und Korridore zurückziehen. Gleichzeitig sollte die zivile Hilfe ausgebaut und „afghanisiert“ werden, das heißt lokale Vorstellungen von Entwicklung und politischer Organisation stärker berücksichtigen.

Wenn ein Politikwechsel für die Verbündeten nicht akzeptabel ist, sollte Deutschland seine Truppenpräsenz in Frage stellen. Der Schaden wäre geringer als die Folgen eines „Weiter so“:

Erschienen in: Die Nordelbische vom 15.11. 2009, S. 1.



Kontakt:
Prof. Dr. Michael Brzoska


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