Aktuelle Stellungnahme

29. September 2009
Nach der Aufdeckung einer zweiten iranischen Anreicherungsanlage
–
Was hat sich dadurch im Atomstreit geändert?
Welche Lösungsansätze gibt es?
Oliver Meier
Sollte Teheran bereit sein, stärker als bisher
mit der IAEO zu kooperieren, könnte die jüngste
Zuspitzung der Krise jedoch neue Möglichkeiten
für gemeinsame Lösungen eröffnen. Zentrale
Voraussetzung für eine Deeskalation ist, dass
der Iran unangekündigte Inspektionen zulässt
und bei der Klärung noch offener Fragen uneingeschränkt
mit der IAEO kooperiert. Auf der Grundlage eines solchen
Kursschwenks könnte es möglich sein, mittelfristig
zu einer Einigung über den Umfang des künftigen
iranischen Atomprogramms sowie notwendige Sicherungsmaßnahmen
zu kommen.
Was wir bisher wissen
- Am 21. September informierte der Iran die IAEO
in einem Brief über den Bau einer neuen Pilotanreicherungsanlage
in der Nähe der Stadt Qom. Diese Anlage sei zur
Anreicherung von Uran mit einem Anreicherungsgrad
von bis zu fünf Prozent bestimmt. Der Iran werde
der IAEO „so bald wie möglich“ weitere
Informationen bereitstellen sowie Zugang zu der Anlage
gewähren.
- Laut Presseberichten soll die Anlage eine Kapazität
von bis zu 3.000 Ultragaszentrifugen haben. Ob bereits
Zentrifugen installiert sind, und wenn ja, wie viele
und welchen Typs ist bisher nicht klar. Der Iran hat
der IAEO mitgeteilt, dass noch kein spaltbares Material
in die Anlage eingebracht wurde.
- Die US-Regierung geht davon aus, dass die Anlage
nicht vor 2010 in Betrieb genommen werden kann.
- Laut US-Regierung soll mit dem Bau der Anlage bereits
vor 2007 begonnen worden sein. Die USA und einige
Verbündete hätten über ihre Geheimdienste
bereits seit längerer Zeit Kenntnis von der Anlage.
Laut Presseberichten hat sich der Iran erst dazu entschlossen,
die Anlage gegenüber der IAEO anzuzeigen, nachdem
er von der erfolgreichen Arbeit westlicher Geheimdienste
Kenntnis erlangt hatte.
Was hat die Entdeckung einer zweiten Anreicherungsanlage
geändert?
Der Bau einer zweiten Anreicherungsanlage in der
Nähe der Stadt Qom stellt einen weiteren Verstoß
Irans gegen internationale Safeguards-Auflagen dar.
Als der Iran 2003 ein verbessertes Safeguards-Abkommen
mit der IAEO abschloss, verpflichtete er sich, die
IAEO über neue Atomanlagen in Kenntnis zu setzen,
sobald der Bau solcher Einrichtungen beschlossen ist.
Eine solche frühzeitige Information der Wiener
Behörde ist mittlerweile internationaler Standard
und ermöglicht es den Inspektoren, baldmöglichst
mit dem Betreiber der neuen Anlage Verifikationsanforderungen
abzustimmen. Gerade bei komplexen Anlagen (wie Anreicherungsanlagen)
ist dies für eine effektive Überwachung
von entscheidender Bedeutung. Die IAEO wurde über
die neue Anlage aber erst am 21. September 2009 informiert,
obwohl der Bau offensichtlich bereits fortgeschritten
war. Zwar hat der Iran 2007 einseitig die Umsetzung
des verbesserten Safeguards-Abkommen widerrufen, dieser
Schritt wurde aber nie von der IAEO anerkannt und
damit nicht rechtskräftig.
Die Entdeckung der neuen Anlage erschwert die Suche
nach einer tragfähigen Lösung im Atomkonflikt
gleich dreifach. Erstens verfestigt sich der Eindruck,
dass der Iran sich zumindest die Option auf den Bau
von Kernwaffen schaffen will. Die neue Anreicherungsanlage
ist für ein friedliches Atomprogramm zu klein.
Zweitens wird sich der Fokus internationaler Verifikationsaktivitäten
von der Überwachung bestehender Anlagen auf die
Suche nach nichtdeklarierten Anlagen verlagern. Vorhandene
Inspektionsmöglichkeiten reichten offenbar nicht
aus, um die Anlage in Qom zu entdecken. Zwar hat die
IAEO durchaus über ein sogenanntes Zusatzprotokoll
das Instrumentarium, um zu überprüfen, ob
die Angaben eines Staates vollständig sind. Der
Iran hat ein solches Zusatzprotokoll zwar 2003 gezeichnet
aber nicht ratifiziert und die Umsetzung 2005 unterbrochen.
Daher kann die IAEO nur in begrenztem Umfang Aussagen
über die Vollständigkeit iranischer Angaben
machen.
Drittens dürfte die Entdeckung der geheimen
Anlage in Qom dazu beitragen, dass die Chancen für
die Umsetzung einer möglichen Lösung im
Atomstreit, nämlich die Multilateralisierung
der Urananreicherung, weiter sinken. So war vorgeschlagen
worden, die Anreicherungsanlage in Natanz durch ein
internationales Konsortium zu betreiben, um so einen
militärischen Missbrauch der Anlage durch den
Iran zu erschweren. Ein solches Vorhaben ist aber
nur dann sinnvoll, wenn der Iran im Gegenzug auf den
Betrieb weiterer eigener Anreicherungsanlagen verzichtet.
Durch die Entdeckung der geheimen Anlage dürfte
zudem das notwendige Vertrauen möglicher Partner
einer multinationalen Anreicherungsanlage in den Iran
aber weiter gesunken sein. Sie müssen befürchten,
dass Teheran die durch die gemeinsame Nutzung der
Technologie gewonnenen Kenntnisse zum Atomwaffenbau
missbraucht oder bei Gelegenheit aus dem Nuklearen
Nichtverbreitungs-Vertrag (NVV) austritt und die zuvor
gemeinsam betriebene Anlage dann militärisch
nutzt.
Wahrscheinlich wird die Entdeckung der Anlage in
Qom zu einer weiteren Isolierung Irans führen.
Der Iran ist durch die jüngsten Enthüllungen
politisch in die Defensive geraten, die jetzige Regierung
erkennt aber bisher kein Fehlverhalten an. Der russische
Präsident Dmitri Medwedew hat signalisiert, dass
Moskau zu einer weiteren Verschärfung von Sanktionen
bereit sein könnte. Auch innerhalb der nichtpaktgebundenen
Staaten dürfte Irans Glaubwürdigkeit weiter
gelitten haben.
Was hat sich durch die Aufdeckung der geheimen Anlage
nicht geändert?
Trotzdem besteht auch nach der Aufdeckung der geheimen
Anlage kein Grund, von dem Ziel abzuweichen, über
Verhandlungen eine friedliche Lösung der Krise
zu erreichen. Wenn sichergestellt werden kann, dass
es nicht weitere geheime Anlagen im Iran gibt, ändern
die neuesten Entwicklungen nichts an der Einschätzung,
dass der Iran frühestens 2010 technisch in der
Lage sein dürfte, das für Atomwaffen ausreichende
hochangereicherte Uran herzustellen. Nach wie vor
wäre eine solches Vorgehen, das dem Austritt
Irans aus dem NVV gleichkommt, erst dann umzusetzen,
wenn der Iran einseitig internationale Atomkontrollen
aufkündigt.
Die Existenz einer zweiten Anlage ändert auch
nichts an der Einschätzung, dass Militärschläge
das iranische Atomprogramm nicht dauerhaft zurückzuwerfen
können. Der Iran rechtfertigt die Anlage in Qom
unter anderem mit der Notwendigkeit, das eigene Atomprogramm
gegen mögliche Militärschläge zu wappnen
und zu diversifizieren. In der Tat scheint die Anlage
in Qom durch ihre Lage in den Bergen vor einem direkt
Angriff gut geschützt zu sein.
Das vom französischen Präsidenten Nicolas
Sarkozy ins Gespräch gebrachte Ultimatum, dass
der Iran sich bis Ende des Jahres zu bewegen habe,
ist in der Sache daher unnötig. Es besteht vielmehr
die Gefahr, dass sich die internationale Gemeinschaft
durch ein sehr allgemeines und unspezifisches Ultimatum
unnötigerweise Verhandlungsoptionen verschließt.
Bei den Gesprächen mit dem Iran am 1. Oktober
in Genf sollten die P5+1 daher
- darauf drängen, dass der Iran die Anlage in
Qom unverzüglich der IAEO öffnet und bis
zum Abschluss eines speziellen Safeguards-Abkommens
für die Anlage (facility agreement) in Qom kein
weiterer Ausbau erfolgt;
- klarmachen, dass weitere Verhandlungen von einer
sofortigen Umsetzung und zügigen Ratifizierung
des Zusatzprotokolls abhängen;
- darauf bestehen, dass der Iran die von der IAEO
geforderten Schritte zur Aufklärung jener ungeklärten
Aktivitäten unternimmt, die im Zusammenhang mit
einem möglichen Atomwaffenprogramm stehen;
- das Angebot wiederholen, dass eine nachprüfbare
Suspendierung aller sensitiven Atomaktivitäten
die Aussetzung der Sanktionen zur Folge haben würde
(freeze for freeze);
- dem Iran umfassende Gespräche anbieten, die
eine einvernehmliche Lösung des Atomkonflikts
sowie aller damit zusammenhängenden Fragen einschließlich
der Verbesserung der Sicherheit in der Region zum
Ziel haben.
Der Iran muss im Gegenzug nicht nur die mit den bereits
deklarierten Anlagen zusammenhängenden Verifikationspflichten
erfüllen, sondern zudem der IAEO alle notwendigen
Rechte einräumen, damit diese sicherstellen kann,
dass es keine weiteren nicht-deklarierten Anlagen
im Iran gibt. Alle noch offenen Fragen in Bezug auf
vergangene Aktivitäten müssen beantwortet
werden. Ein Moratorium beim Ausbau vorhandener Anlagen
würde zudem Zeit für die Suche nach diplomatischen
Lösungen bieten.
Letztendlich werden beide Seiten nicht umhin kommen
von ihren Maximalforderungen abzurücken. Die
internationale Gemeinschaft kann dem Iran angesichts
der Rechtslage nicht dauerhaft eine Schließung
des nuklearen Brennstoffkreislaufs verwehren. Der
Iran muss der IAEO zusätzliche Vollmachten gewähren,
damit diese den friedlichen Charakter des iranischen
Atomprogramms feststellen und frühzeitig Alarm
schlagen kann, sollte der Iran doch einen Missbrauch
vorhandener Kapazitäten anstreben.
Dr. Oliver
Meier
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