Aktuelle Stellungnahme

02.12.2008
Piraterie vor Somalia
Torsten Geise
Seit Piraten im April 2008 die französische Luxusyacht
„Le Ponant“ in ihre Gewalt gebracht haben,
reißen die Meldungen immer neuer Angriffe auf
Schiffe vor den Küsten des gescheiterten Staates
Somalia nicht ab. Den für den Golf von Aden und
die somalischen Hoheitsgewässer 2007 insgesamt
44 gemeldeten Zwischenfällen stehen für
2008 (Stand: 18. November) bislang bereits 92 Angriffe
gegenüber – und auch die Zahl der von Piraten
gewaltsam entführten Schiffe hat einen deutlich
erkennbaren Sprung nach oben gemacht. Es scheint,
als hätten die elf bereits 2007 in der Region
zu beklagenden „hijacks“ so viel Lösegeld
in die Piratenkassen gespült, dass es den Banden
zunehmend möglich wird, durch die Reinvestition
ihrer Profite sowohl ihr operatives Vorgehen zu verfeinern
und auszuweiten als auch die Schlagzahl und den Erfolg
ihrer Angriffe zu erhöhen. 14 Schiffe befinden
sich aktuell in ihrem „Gewahrsam“ –
mehr als 35 Schiffe wurden seit Jahresanfang entführt.
Zählen die regionalen Gewässer bereits seit
Jahren zu den piratengefährdetsten Seegebieten
der Welt, hat die internationale Staatengemeinschaft
allenfalls zögerlich auf die hiermit verbundenen
Risiken reagiert. Zwar befindet sich im Rahmen der
Operation Enduring Freedom (OEF) bereits seit Ende
2001 ein Flottenkommando in der Region, sein Mandat
jedoch richtet sich nicht ausdrücklich auf ein
Vorgehen gegen die Seeräuberei vor Somalia, sondern
ist primär am Ziel der Abschreckung maritimer
Terroranschläge und der Schwächung der terroristischen
Logistik orientiert. Dieses Mandat schließt
die Leistung von „Nothilfe“ gegen Piratenangriffe
nicht aus, doch hat sich gezeigt, dass die Präsenz
des multilateralen Flottenverbandes letztlich keinerlei
wirksamen Beitrag dazu zu leisten vermochte, die aktuelle
Entwicklung frühzeitiger zu entschärfen
und entschlossener in die See(un)sicherheitslage zu
intervenieren. Die Ereignisse des Jahres 2008 lassen
sich nicht ohne Verweis auf die Nichtanpassung des
OEF-Mandats diskutieren. Zugleich aber muss klar sein,
dass ihre wesentlichsten Ursachen vor allem im Fortbestand
des innersomalischen Machtvakuums liegen und, folglich,
aus der grundsätzlichen Rat- und Tatenlosigkeit
resultieren, mit der die Welt seit den frühen
1990er Jahren auf den kriegerischen Zerfall des ostafrikanischen
Staates reagiert.
Immerhin: Seit Mitte des Jahres gewinnt man nun endlich
den Eindruck, man wolle zumindest der Piraterie ihren
Handlungsfreiraum entziehen. Hatte der UN-Sicherheitsrat
am 2. Juni 2008 beschlossen, die Handel betreibenden
Staaten seien befugt, künftig aktiver in das
Treiben zu intervenieren, wurde dem hiermit verbundenen
Aufruf in der Folge insofern entsprochen, als dass
seither neben Schiffen verschiedener Mitgliedstaaten
der NATO auch solche etwa aus Russland, Indien oder
Malaysia – ja, selbst Indonesien – in
und vor den somalischen Seeräumen patrouillieren.
Folgt man den Medien, greifen sie hierbei zunehmend
„robuster“ in die sich ihnen jeweils stellenden
Situationen ein, und soll auch die von der EU für
Dezember in Aussicht gestellte Operation Atalanta
mit entsprechenden Kompetenzen ausgestattet sein.
Auch Deutschland wird seinen Beitrag zu dieser Mission
zu leisten haben. Die bestehenden rechtlichen Zweifel
gelten als überwindbar. Sehr viel schwerer wiegen
hingegen die primär „operativen“
Zweifel, sprich: die Befürchtung, die verfügbaren
Kapazitäten könnten am Ende nicht genügen,
um dem Vorgehen der EU und der internationalen Gemeinschaft
ihre auch jenseits punktueller Erfolge dringend benötigte
Wirksamkeit zu verleihen. Die Piraten jedenfalls scheinen
bislang nur mäßig beeindruckt: Trotz intensivierter
Präsenzen setzt sich ihr Vorgehen ungebremst
fort. Dabei nutzen sie die Weite des seewärtigen
Operationsraums und wissen, dass auch der künftige
Umfang des Flottenverbands nach aller Voraussicht
nicht ausreicht, um sowohl im Golf von Aden und vor
den ostsomalischen Küsten als auch in den küstenferneren
Tiefen des Indischen Ozeans tätig zu sein.
Als eine fragwürdige „Alternative“
wird deshalb auch die Möglichkeit diskutiert,
mit „begrenzten“ militärischen Interventionen
direkt gegen die Stellungen und Stützpunkte der
Piraten auf innersomalischem Boden vorzugehen. Hiervon
ist abzuraten, lässt der Vorschlag doch außer
Acht, dass derlei Operationen schnell zu längerfristigen
Verwicklungen eskalieren und so dazu beitragen können,
auch die Gefahren für die auf See patrouillierenden
Streitkräfte zu erhöhen. Es gibt keinen
Grund, warum die somalische Küstenbevölkerung
die Bekämpfung der Piraterie als einen Befreiungsakt
feiern sollte. Die Fischer klagen seit Jahren über
ausländische Trawler, die mit Treibnetzen durch
innersomalische Fischereigründe ziehen –
und auch der Umstand, dass fremde Frachter fortwährend
Giftabfälle verklappen, wird seitens der Staatengemeinschaft
lange schon stillschweigend toleriert. So hat sich
die Piraterie zu einem lokalen Erwerbszweig entwickelt,
der sich aus Sicht der Küstenbevölkerung
weitestgehend selbst legitimiert. Und daher liegt
die Gefahr jeder noch so „begrenzten“
Intervention an Land in dem Umstand, dass sie das
Potenzial ihrer „Entgrenzung“ bereits
im Keim mit sich führt. Bislang stehen die Islamisten
der al-Shabab-Milizionäre der Piraterie offiziell
ablehnend gegenüber. Auch hat es den Anschein,
als würde sich abseits des radikaleren Islam
ein zunehmend moderater Einfluss etablieren. Ein Eingriff
an Land jedoch könnte diese Konturen verwischen
und sowohl die Milizionäre mit den Piratenbanden
verbrüdern als auch den Einfluss der eher gemäßigten
Kräfte des Landes unterminieren – eine
Entwicklung, die sich in letzter Konsequenz zweifellos
auch auf die Sicherheit der entsandten Kriegsschiffe
auswirken dürfte, so dass sich diese dann vielleicht
nicht mehr nur vor der Schussgewalt der Piraten bewähren
müssten, sondern Gefahr liefen, sich ihrerseits
als das Ziel maritimer Anschlagskommandos zunehmend
tiefer in die Eskalation hineinzumanövrieren.
Vor diesem Hintergrund steckt die Staatengemeinschaft
in einem Dilemma. Einerseits erscheint die Verstärkung
der Ordnungspräsenz als dringend geboten, will
man der Piraterie ihren Handlungsfreiraum entziehen.
Andererseits ahnt man, die Piraten könnten am
Ende gleichwohl obsiegen, da auch sie von einer landgestützten
Basis aus operieren und in der Lage sind, auf die
Intensivierung der maritimen Patrouillen mit einer
Verlagerung ihres Operationsfelds zu reagieren. Einerseits
wird gedroht, mit „begrenzten“ militärischen
Operationen auch auf dem Festland gegen die Piraterie
ins Feld ziehen zu wollen. Andererseits verbietet
sich ein derartiger Leichtsinn, will man die Situation
nicht unnötig verschärfen und so auch die
Risiken für die vor Ort aktiven Flottenverbände
durch eine Islamisierung der maritimen Gewalt weiter
erhöhen. Die Bekämpfung der Piraterie wird
ganz sicher kein Zuckerschlecken. Will man das Problem
jedoch mittel- und längerfristiger lösen,
ist dieses ganz sicher nicht ohne eine geeignete Strategie
und die wirksame Unterstützung innersomalischer
Gruppen zu realisieren. Welche Gruppen hierfür
in Betracht kommen, muss ausgelotet werden: Die „Regierung“
erscheint zerstritten – die gemäßigten
Kräfte sind schwach. Ebenso schlimm jedoch ist,
dass sich die internationale Gemeinschaft ganz offensichtlich
nicht wirklich mit einer längerfristigen Planung
für die Zukunft Somalias befasst.
Ein solcher Zukunftsplan für das Land ist jedoch
unabdingbar. Und dies ist letztendlich die Lehre der
Ereignisse 2008. Die Piraterie ist lediglich ein Symptom
der somalischen Krankheit – ihr frühzeitig
zu begegnen hat die Welt entschieden verpasst. Will
man die Piraterie vor Somalia nun auch längerfristig
besiegen, erscheint es ratsam, man geht neben den
Symptomen auch ihre tieferen Ursachen an. Maritime
Sicherheit beginnt im seltensten Fall auf See. Und
der Zerfall des somalischen Staates beschränkt
sich nicht allein auf das Land. Dies ist der Hauptgrund,
weshalb die Bekämpfung der Piraterie vor Somalia
nach mehr als lediglich punktuellen Flottenpräsenzen
oder unüberlegten militärischen Interventionen
verlangt.
Kontakt:
Torsten Geise
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