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Reinhard Mutz in Freitag - Die Ost-West-Zeitung vom 17.09.1999
Bomben auf Jakarta?
Krisenreaktion nach zweierlei Maß
Die Indonesier hatten mehr Glück als die Jugoslawen. Auf sie prasselte kein Raketenhagel nieder, der ihren Machthabern Respekt vor den Menschenrechten einbläuen sollte. Es wurde nicht mit Bomberflotten "humanitär" interveniert. Dabei springen die Parallelen zwischen den Krisenherden Kosovo und Osttimor ins Auge. Hier wie dort ein Unterdrückerregime, das eine Bevölkerungsminderheit terrorisiert. Hier wie dort eine abspaltungswillige Provinz. Hier wie dort eine aufgebrachte Weltmeinung, schockiert vom Leiden der Opfer blindwütiger Gewalt. Aber ganz unterschiedliche Reaktionen der internationalen Politik. Offenbar ist es nicht dasselbe, sich mit dem viertgrößten Land der Erde anzulegen, wie mit einem schwächlichen Balkanstaat.
Gerade dort aber hat es an Gründen zum entschiedenen Engagement nicht gefehlt. Im Kosovo währte das Blutvergießen zwölf Monate, im Osten Timors dauert es schon fast ein Vierteljahrhundert. Die Inselhälfte ist eine Hinterlassenschaft fluchtartig aufgegebener portugiesischer Kolonialherrschaft. Dem geordneten Übergang in die staatliche Unabhängigkeit kamen Ende 1975 einmarschierende indonesische Truppen zuvor. Das Territorium sollte nicht an die FRETILIN fallen, die stärkste unter den einheimischen Widerstandskräften, in der sozialistische Führer den Ton angaben. Kein zweites Kuba im Indischen Ozean, so die Losung Jakartas, die in den Hauptstädten der westlichen Welt stillschweigende Billigung fand. Gleichwohl ist Indonesien die völkerrechtliche Anerkennung der Annexion Osttimors bis auf den heutigen Tag versagt geblieben.
Polizei und Militär führen seither ein blutiges Regiment. Jede Auflehnung gegen die Besatzungsmacht wird mit rigoroser Härte gebrochen. Dazu dienten Erschießungen, Massenverhaftungen, Vertreibungen, niedergebrannte Dörfer und vernichtete Ernten. Die niedrigsten Schätzungen beziffern die Zahl der Umgekommenen in der vor der Außenwelt sorgsam abgeschirmten Provinz auf 150.000 Menschen; das ist fast ein Fünftel der Einwohner.
In annähernd gleicher Größenordnung hat Jakarta versucht, den Bevölkerungsverlust durch Transmigrationsprogramme zu kompensieren. Islamische Bewohner anderer Landesteile wurden mit materiellen Anreizen in den katholisch geprägten Ostteil Timors umgesiedelt. Diese Bevölkerungsgruppe bildet jetzt den Rückhalt der indonesischen Herrschaft. Sie hält die Schlüsselstellungen in Wirtschaft und Verwaltung besetzt. Von der Unabhängigkeit der Inselhälfte muß sie den Verlust ihrer Privilegien befürchten. Aus ihren Reihen stammen die schwerbewaffneten Banden, die mordend und plündernd das Land überziehen.
Was hätte die internationale Gemeinschaft tun können, um das Desaster abzuwenden? Der Streit um Osttimor gehört zu den notorisch verschleppten Konflikten, über die das Ausland beharrlich hinwegsieht, solange sie keine aufrührenden Fernsehbilder hervorbringen. Längst vergangen sind die Zeiten, als die Ausflucht noch einleuchten mochte, der autokratische Inselstaat sei mit Samthandschuhen anzufassen, weil er als antikommunistisches Bollwerk in Südostasien gebraucht werde. Der Kalte Krieg ist vorüber, der Waffen- und Rüstungsstrom aber floß weiter, ohne daß er an Auflagen zur Einhaltung menschenrechtlicher Mindeststandards geknüpft worden wäre. Was diplomatisch versäumt wird, läßt sich militärisch nicht mehr nachholen. Bomben auf Jakarata, vorausgesetzt, jemand wäre skrupellos genug gewesen, sie zu werfen, hätten zur politischen Konfliktlösung sowenig beigetragen wie die Bomben auf Belgrad. Anders als in der Kosovokrise ist die Kriegsoption jedoch nicht einmal gedacht worden, und darin liegt die moralische Heuchelei.
Indonesien ist das von den ökonomischen Turbulenzen der Asienkrise am schwersten getroffene Land. Seit dem Sturz Suhartos unternimmt es zaghafte Schritte in Richtung einer demokratischen Öffnung. Dazu zählt das lange verweigerte Angebot an die Osttimoresen, über ihre politische Zukunft selbst zu entscheiden. Daß eine solche Geste auch die Liberalisierungsgegner um Armeechef Wiranto auf den Plan rufen würden, ließ sich absehen. Wahrscheinlich hätte die UNO besser daran getan, sich nicht mit der Ausrichtung des Referendums zu begnügen, sondern angesichts des offenen innerindonesischen Machtkampfes auch auf der Entsendung einer kopfstarken internationalen Sicherungstruppe zu bestehen. Aber die Weltorganisation in New York ist die letzte Adresse, die Kritik verdient. An sie pflegen sich die Mächtigen dieser Erde immer erst zu wenden, wenn das Kind tief im Brunnen liegt.