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Götz Neuneck in: Streitkräfte und Strategien, NDR 4, am 15.07.2000
Nach dem mißglückten US-Raketenabwehr-Test - Das geplante National Missile Defense System NMD trotzdem nicht vor dem Aus?
Am vergangenen Wochenende scheiterte der dritte Test für das
umstrittene Nationale Raketenabwehrsystem der USA. Dabei war der Versuch
mehrmals verschoben worden. Über die möglichen Auswirkungen des mißglückten
Versuchs auf das gesamte NMD-Projekt berichtet Götz Neuneck.
Mit konsternierten Gesichtern hatten die Experten in der militärischen Leitstelle am Boden das Scheitern des 100 Millionen Dollar teuren Versuches verfolgt. Der Direktor der Raketenabwehrorganisation, General Ronald Kadish, sprach von einer großen Enttäuschung, forderte jedoch sogleich, die Entwicklung des Systems zu intensivieren. Den nächsten Test hat das Pentagon für Oktober oder November geplant. Sicher ist, dass nun der dichtgedrängte Zeitplan der Clinton-Administration erheblich durcheinander geraten ist. Eigentlich wollte Präsident Clinton über eine Stationierung bis Ende Herbst entscheiden. Doch einige demokratische Senatoren haben inzwischen vorgeschlagen, die Entscheidung dem neuen US-Präsidenten zu überlassen. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber George W. Bush ließ unterdessen die Öffentlichkeit wissen, dass es den USA insbesondere unter seiner Führung gelingen könne, ein effektives Abwehrsystem zu entwickeln. Die Republikaner verlangen seit langem stärkere technische und finanzielle Anstrengungen, um das Raketen-Abwehrprojekt zu realisieren. Insbesondere ihr Druck im US-Kongress hatte dazu geführt, dass Präsident Clinton das jetzige, dicht gedrängte Testprogramm aufgelegt hat. Die Demokraten wollten so den Republikanern ein Wahlkampfthema nehmen und die Ausgangsposition ihres Kandidaten Al Gore für die anstehende Präsidentenwahl am 7. November verbessern.
Präsident Clinton selbst hat seine Entscheidung über eine Nationale Raketenabwehr von vier Kriterien abhängig gemacht. Grundlagen sein sollen dabei die Kosten eines solchen Systems, die eigene Bedrohungslage, die Folgen für die Rüstungskontrolle und die technische Machbarkeit.
Die Kosten für die Raketenabwehr sind immens. Sie liegen nach ersten Schätzungen bei ca. 60 Milliarden Dollar. Da die amerikanische Wirtschaft aber prosperiert, im US-Haushalt genug Geld vorhanden ist und die Rüstungsindustrie auf neue Kontrakte wartet, dürfte hier allerdings das geringste Problem liegen.
Zum Faktor Bedrohung: Die Angst vor nordkoreanischen Langstreckenraketen war einer der Hauptgründe, warum die US-Regierung das Raketenabwehrprogramm in Gang gesetzt hat. Ziel ist, bereits ab 2005 über ein erstes funktionsfähiges Abwehrsystem zu verfügen. Da die Bauarbeiten für ein notwendiges Hochleistungsradar bereits 2001 beginnen sollen, hat sich Clinton mit diesem engen Zeitplan selbst unter Druck gesetzt. Inzwischen ist allerdings fraglich, ob die Bedrohung durch Nordkorea tatsächlich so realistisch ist. Kann das bettelarme Nordkorea wirklich in fünf Jahren eine Interkontinentalrakete bauen? – Welchen Zweck sollte die Bedrohung der USA durch einen konventionell wie nuklear unterlegenen Kleinstaat haben? Das gerade eingeleitete Tauwetter auf der koreanischen Halbinsel nach dem Gipfel im Mai und die fortgesetzten Gespräche zwischen Nordkorea und den USA lassen eine anhaltende Konfrontation eher unwahrscheinlich erscheinen.
Das vielleicht größte Problem bei einer Stationierungsentscheidung sind die Folgen für die weltweite Rüstungskontrolle. Konkret geht es in erster Linie um den Widerstand Russlands und Chinas. Die gesamte Architektur der nationalen Raketenabwehr ist nicht mit dem 1972 zwischen Washington und Moskau unterzeichneten ABM-Vertrag vereinbar. Das Abkommen verbietet beiden Ländern den Aufbau einer landesweiten Raketenabwehr und schreibt so die Verwundbarkeit beider Seiten fest, auf der die nukleare Abschreckung beruht. Die Einführung einer Defensivkomponente wird nicht nur die Abschreckung langfristig unterlaufen. Sie verhindert vielmehr auch weitere Abrüstung der Nuklear-Arsenale. Russland und China haben bereits damit gedroht, im Falle einer Stationierung der Raketenabwehr aus Rüstungskontrollverträgen auszusteigen bzw. ihre strategischen Raketen zu erhalten oder im Falle von China, ihre Anzahl zu erhöhen.
Bleibt also die Frage, ob es technisch möglich ist, anfliegende nukleare Sprengköpfe zuverlässig abzufangen und zu zerstören. Verteidigungsminister William Cohen muss in Kürze Präsident Clinton eine Empfehlung geben, wie weit die Entwicklung von NMD gediehen ist. Das Pentagon hatte ursprünglich erklärt, für eine positive Bewertung seien zwei gelungene Tests Voraussetzung. Bisher kann aber bestenfalls nur der erste Abfangtest als erfolgreich angesehen werden – und selbst das nur mit Einschränkungen. Vorsorglich hatte Cohen deshalb vor wenigen Wochen verlauten lassen, dass auch bei zwei nicht gelungenen Versuchen eine Stationierungsempfehlung möglich sei.
Dabei bleibt aber festzuhalten, dass die bisherigen Tests alles andere als aussagekräftig waren. Nachdem bereits in der Anfangsphase mißlungenen dritten Versuch dürften dem Pentagon nur wenige Testdaten vorliegen, um eine sachgemäße Entscheidung treffen zu können. Auch beim ersten, angeblich erfolgreichen Test im Oktober vergangenen Jahres hatte der Abfangkörper Schwierigkeiten, den Zielkopf überhaupt zu finden. Bei den zwei folgenden Versuchen arbeitete die Technik ebenfalls nicht zuverlässig, so dass unterm Strich wenig Erkenntnisse über die eigentliche Abfangtechnologie vorliegen. Selbst wenn die beiden letzten Abfangversuche erfolgreich gewesen wären, hätte dies noch längst nicht bewiesen, dass das NMD-Verfahren unter realen Bedingungen funktioniert. So waren bei den Tests Ort, Art und Flugbahn der anfliegenden Ziele bekannt. Beim fehlgeschlagenen dritten Versuch war der als Attrappe dienende Ballon außerdem zehnmal heller als der eigentlich abzuwehrende Testsprengkopf. Das sogenannte Kill-Vehicle der Abwehr-Rakete aber hatte man so programmiert, dass es auf das dunklere Objekte zufliegt.
Es hat außerdem bisher keine ernsthaften Versuche gegeben, das System mit realistischen Gegenmaßnahmen zu testen. Ein Angreifer kann natürlich diverse einfache technische Maßnahmen in der Freiflugphase einsetzen, um das Durchdringen der Abwehr zu erleichtern. So können metallbeschichtete Ballons benutzt werden, um den Sprengkopf zu verstecken. Der Sprengkopf könnte durch Stickstoffkühlung für die Infrarotsensoren der Abwehr unsichtbar gemacht werden. Das Radar kann durch Metallstäbe in die Irre geführt werden.
Die US-Regierung zeigt sich von dieser Kritik bisher weitgehend unbeeindruckt. Angesichts der dürftigen Testdaten wächst allerdings die Wahrscheinlichkeit, dass Clinton die Entscheidung seinem Nachfolger überlässt. Er könnte ohne Gesichtsverlust gegenüber den Wählern argumentieren, die Technologie bedürfe weiterer Tests. Aber selbst wenn alle geplanten Versuche erfolgreich sind, so besagt dies noch lange nicht, dass das NMD-System im Ernstfall funktioniert. Auch die Patriot-Abfangrakete wurde mehr als zwanzig Mal getestet. Unter realistischen Bedingungen im Golfkrieg aber hat sie versagt, wie wir heute wissen.
Sollte Präsident Clinton jedoch trotz der begrenzten Testerfahrungen noch in seiner Amtszeit eine positive Stationierungsentscheidung treffen, so würde deutlich, dass in diesem Fall die Politik die Technologie bestimmt. Die verstärkte Einführung von Defensivtechnologien hätte langfristig die Ablösung der Abschreckung zur Folge. Für Russland und China wäre dies ein Signal, dass die Abwehrtechnologien tatsächlich gegen ihre Nukleararsenale gerichtet sind. Ein schnelles Ende des ABM-Vertrages wäre sehr wahrscheinlich. Aber auch bei einer späteren Stationierungs-Entscheidung würde der ABM-Vertrag ausgehöhlt. Präsidentschaftskandidat Al Gore hat erklärt, dass er für den Aufbau eines begrenzten Abwehrsystems ist. Eine Einigung mit Russland auf der Grundlage eines modifizierten ABM-Vertrages erscheine möglich, allerdings bleibe die Verständigung mit China schwierig.
Bereits vor dem dritten Test hatten fünfzig Nobelpreisträger in einem offenen Brief Präsident Clinton aufgefordert, das geplante System vorerst nicht zu stationieren, da es nur einen geringen Schutz bieten und zu einem verstärkten Wettrüsten führen könne. Jeder Schritt in Richtung Aufbau eines NMD-Systems sei verfrüht, kostspielig und gefährlich. Der Fehlschlag des Versuchs hat ihnen Recht gegeben.