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Ende des Bundeswehreinsatzes in Ost-Timor: Ungereimheiten deutscher UNO-Politik
Hans-Georg
Ehrhart in „Streitkräfte und Strategien“, NDR 4 am 12.3.2000
Die
Vorgeschichte ist kurz erzählt. Nachdem sich die Bevölkerung von Ost-Timor in
einer von der UNO organisierten Volksbefragung am 30. August 1999 mit überwältigender
Mehrheit für die Unabhängigkeit der ehemaligen portugiesischen Kolonie
entschieden hatte, schlug der indonesische Staatsterrorismus zurück. Von der
Armee gesteuerte paramilitärische Banden überzogen das kleine Land mit einer
Welle von Gewalt. Mehr als 200.000 Menschen wurden vertrieben, ihre Häuser
zerstört, mehr als 100.000 deportiert, viele tausend massakriert. Es stand außer
Frage: In Ost-Timor bahnte sich eine menschliche Katastrophe,
wenn nicht ein Völkermord an. Wie würde die internationale Gemeinschaft
reagieren, die kurz zuvor die völkerrechtlich umstrittene Intervention der NATO
im Kosovo nachträglich durch ein Mandat des UNO-Sicherheitsrates legitimiert
hatte?
Bei
aller Kritik, der die notorisch unterfinanzierte und reformbedürftige UNO
gelegentlich zu Recht ausgesetzt ist, handelte sie dieses Mal angemessen. In
nicht weniger als zwei Wochen einigte sich der Sicherheitsrat in der Resolution
1264 auf ein robustes Peacekeeping-Mandat auf der Grundlage von Artikel VII
UN-Charta. Bereits fünf Tage später trafen die ersten australischen
Truppenkontingente im Krisengebiet ein. Für diese schnelle Reaktion waren vor
allem vier Gründe maßgeblich: Erstens war die Weltöffentlichkeit entsetzt über
die Bilder des von den Milizen verursachten Grauens. Zweitens gab es im
Sicherheitsrat keine Blockade. Drittens spielte die indonesische Regierung
angesichts des starken internationalen Drucks - wenn auch nur widerwillig - mit.
Und schließlich erklärte sich Australien frühzeitig bereit, als „lead
nation“ die multinationale Truppe zu führen sowie den größten Teil des
militärischen und finanziellen Engagements zu übernehmen.
Just
zu dieser Zeit, als sich die internationale Gemeinschaft anschickte, den befürchteten
Völkermord durch rasches und energisches Eingreifen zu verhindern, reiste
Bundesaußenminister Joschka Fischer nach New York zur jährlichen
Vollversammlung der UNO. Und versprach dort spontan und ohne Rücksprache die
Beteiligung eines deutschen Kontingents. Dadurch erregte er nicht nur den Unmut
der Opposition, sondern auch mancher Sozialdemokraten. Vor allem
Verteidigungsminister Rudolf Scharping, der dieses Versprechen ja einlösen
sollte, zeigte sich zunächst widerspenstig. Andere Politiker sprachen von
Geldverschwendung. Abgeordnete aller Fraktionen waren verärgert, weil der Außenminister
das Parlament gleichsam vor vollendete
Tatsachen gestellt hatte. Obwohl – wie es hieß – ein solcher Einsatz bloße
Symbolik sei und Deutschland ohnehin nicht alle Probleme der Welt lösen könne.
Trotz
aller Bedenken stimmte der Bundestag dem Antrag der Bundesregierung für eine
deutsche Beteiligung am internationalen Streitkräfteverband INTERFET dennoch
mit großer Mehrheit zu. Seit dem 17. Oktober 1999 wirkte die Bundeswehr mit
zwei Transportmaschinen und rund siebzig Soldaten an der Friedensoperation mit.
Sie flogen 50 Einsätze, wobei 230 Verwundete und Kranke von Ost-Timor ins
australische Darwin, dem Standort des deutschen Kontingents, transportiert wurden.
Will
man den 128-tägige Einsatz abschließend bewerten, fällt das Urteil über die
militärischen und medizinischen Leistungen relativ leicht: Die Soldaten
leisteten vorzügliche Arbeit. Allerdings waren sie bei weitem nicht ausgelastet.
Dass sie in Darwin und nicht im völlig unterversorgten Landesinnern von Ost-Timor
stationiert waren, wie es etwa die Hilfsorganisation „Ärzte für die Dritte
Welt“ gefordert hatte, geschah aus Gründen der Sicherheit. Auch den Wunsch,
ein komplettes Feldlazarett zur Verfügung zu stellen, erfüllte die
Bundesregierung nicht. Sie hätte dann nicht nur ihre letzte Reserve – die
sogenannte Notfallreserve - abgeben, sondern statt 73 auch 400 Soldaten
entsenden müssen.
Angesichts
der Gesamtkosten von nur fünf Millionen DM und der humanitären Leistung sowie
der politischen Wirkung, die damit erzielt wurde, ist der Vorwurf der
Geldverschwendung absurd. Man sollte eher fragen: Hätte die Bundeswehr bei
besserer Ausstattung und größerem finanziellen Engagement nicht sogar mehr zur
Linderung von Not und Elend beitragen können? Es scheinen die Kritiker Recht zu
haben, die das deutsche Engagement als bloß symbolisch abtun. Doch auch
Symbolik kann politisch wirksam sein. Immerhin hatte die Bundesregierung gute Gründe,
ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis
zu stellen – und sei es auch nur symbolisch.
Zunächst
sollte kurz nach dem Krieg gegen Jugoslawien verdeutlicht werden, dass die
Staatengemeinschaft im Prinzip überall auf Völkermord und massive
Menschenrechtsverletzungen reagieren muß. Gerade, wenn im UN-Sicherheitsrat
Konsens darüber besteht. Außerdem ging es um europäische Solidarität. Wenn
sich die meisten EU-Staaten an einer Friedensmission beteiligen und einer von
ihnen, in diesem Fall die ehemalige Kolonialmacht Portugal, stark involviert ist,
dann darf Berlin nicht abseits stehen. Und schließlich sollte ein Beitrag zur
Stärkung der UNO geleistet werden. Da die Vereinten Nationen im Kosovokonflikt
lange desavouiert worden waren, bestand und besteht großer Korrekturbedarf.
Ob
dadurch eine Wende in der deutschen UN-Politik vollzogen wurde, dürfte sich
allerdings erst bei der nächsten Krise zeigen. Angesichts der Ungereimtheiten
in der Politik der Bundesregierung sind Zweifel angebracht. Erinnert sei zum
Beispiel an die Halbierung des deutschen Beitrages für das Entwicklungsprogramm
der Vereinten Nationen (UNDP), für die die rot-grüne Koalition verantwortlich
ist. Auch die Entscheidung, dass die Bundesrepublik sich jetzt an dem von der
UNO geleiteten Blauhelmeinsatz in Ost-Timor nicht mehr beteiligt, ist unverständlich.
Die Regierung beabsichtige dafür – so heißt es - den zivilen Aufbau mit
einigen wenigen Experten zu unterstützen. Allerdings hat sie bislang dafür
noch nicht einmal einen geeigneten Einsatzleiter gefunden.
Schließlich will sie der unseligen Praxis anderer Staaten folgen, die
angekündigten Hilfsgelder nicht über die UNO zu leiten, sondern über einen
nationalen Treuhandfond zu verteilen, um so größeren Einfluß ausüben zu können.
Zugegeben,
es gibt auch positive Tendenzen. So werden seit vergangenem Jahr vom Auswärtigen
Amt und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit Kurse für die
Ausbildung von zivilem Personal für internationale Einsätze angeboten. Sie
sollen dazu beitragen, den eklatanten Mangel an zivilen Konfliktbearbeitern bei
Missionen der UNO oder der OSZE zu beheben und den Aspekt der Prävention in der
deutschen Außenpolitik zu stärken. Dazu zählt auch der Abschluß eines
sogenannten Stand-by-Arrangements mit der UNO. Darin ist festgelegt, welches
Personal und welche Ausrüstung Deutschland für Friedensmissionen prinzipiell
zur Verfügung stellt. Einerseits sollen damit zwar die Planungssicherheit und
die Reaktionsschnelligkeit der UNO verbessert werden, andererseits steht das
Abkommen aber unter dem Vorbehalt der jeweiligen nationalen Zustimmung.
So
bleibt zu hoffen, dass die Äußerung von Bundeskanzler Gerhard Schröder, er
habe eine deutsche Beteiligung bei INTERFET unterstützt, weil sie die Möglichkeit
eröffne, bei einem anderen Einsatz außerhalb Europas auch „mal no zu sagen“, keinem bornierten Eurozentrismus entspringt, sondern
lediglich seiner außenpolitischen Unerfahrenheit.