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IFSH |
Reinhard
Mutz, in:
die tageszeitung vom 18. September 2000, S. 11.
Kein Ersatz für Politik
Nicht erst seit dem Ende des unrühmlichen
Kosovokrieges halten viele Kommentatoren Prävention für das Allheilmittel
schlechthin gegen Gewalt - Davor ist zu warnen
Die
wirksamste Strategie gegen den Krieg ist zu verhindern, daß er ausbricht.
Friedenspolitik, die den Namen verdient, muß an den Wurzeln der Gewalt ansetzen.
Das tut auf ihre Weise seit Jahr und Tag die Friedensforschung. Die Analyse
struktureller Kriegsursachen gehört zu ihren Kernaufgaben wie auch die
Ausarbeitung erfolgversprechender Gegenkonzepte von der Politik nachhaltiger
Entwicklung über die Vervollkommnung des Völkerrechts bis zur Rüstungskontrolle.
Aber aller Dringlichkeit zum Trotz, zählt die langfristige Kriegsverhütung zu
den eher spröden Forschungsthemen, auf die sich die Scheinwerfer öffentlichen
Interesses selten richten.
Ganz
anders, wenn es um Schauplätze geht, an denen der Frieden bereits zerbrochen
ist und Waffen wieder den Ton angeben. Vom Golf über den Kaukasus bis zum
Balkan boten die zurückliegenden zehn Jahre reichlich Anlaß, den Ursprüngen
kriegerischer Gewalt nachzuspüren. Dabei wiederholte sich eine alte Erfahrung:
Studien, die sich mit den Scherbenhaufen verfehlter Konfliktvorsorge befassen müssen,
lassen die politische Aufmerksamkeit augenblicklich in die Höhe schnellen.
Offenbar findet die Friedensforschung dann am leichtesten das Ohr der
Regierenden, wenn diese ihre Vorschläge gerade folgenreich in den Wind
geschlagen haben.
Wie
sonst wäre zu erklären, daß die bisher einzige Initiative eines breiten
internationalen Programms gegen gewalterzeugende Mißstände mitten im Krieg
entstand? Die Idee des Stabilitätspakts für Südosteuropa entsprang dem
Zweifel, ob die NATO den Kampf um das Kosovo mit Bomben und Raketen gewinnen würde.
Zwischen den beiden Vorgehensweisen könnte der Kontrast nicht schärfer sein.
Die Kosovo-Intervention wählte das stärkste aller Eingriffsmittel, das militärische,
und steigerte es in dem Maße, wie der erhoffte Erfolg auf sich warten ließ. Um
das drakonische Handeln zu rechtfertigen, bedurfte es massiver
propagandistischer Vorarbeit. Wider besseren Wissens mußte die eine der beiden
Streitparteien zum alleinigen Urheber des Gewaltkonflikts gestempelt werden.
Dagegen
setzt der Balkan-Stabilitätspakt seine konstruktive Antwort. Eingeladen sind
die Staaten der gesamten Region. Sie werden ermuntert, die Spannungen zwischen
ihnen durch Verständigung und Zusammenarbeit abzubauen. Hilfe zur Überwindung
wirtschaftlicher Rückständigkeit bieten den Anreiz. Damit verbunden ist die
Verpflichtung zu rechtsstaatlichen und demokratischen Verfassungen, die den
Schutz ethnischer Minderheiten einschließt, um nationalistischer Militanz, der
Gewaltursache Nummer eins in der Krisenregion, den Boden zu entziehen. Anders
als bei der militärischen Intervention soll also der Friedensbruch nicht mit
Gegengewalt geahndet, sondern durch vorbeugendes Handeln abgewendet werden. Prävention
statt Intervention heißt die Devise. Sie erfreut sich wachsender Popularität.
Viele Kommentatoren, so scheint es, halten sie für das Allheilmittel
schlechthin. Vor solchem Überschwang ist zu warnen.
Als
die NATO ihre Bomberflotte gegen Belgrad in Marsch setzte, traf sie nicht nur
eine moralisch zweifelhafte und völkerrechtlich fragwürdige, sondern auch
eine politisch falsche Entscheidung. Schon damals hatte ein Teil der Beobachter
vorhergesehen - und vorausgesagt - was dem anderen Teil erst im Nachhinein
aufging: daß die Luftschläge in einem Debakel enden würden. Die Gewalt hat ja
nicht aufgehört im Kosovo. Von Frieden kann keine Rede sein. Nicht einmal so
etwas wie Stabilität ist eingekehrt. Würden heute KFOR und UNMIK, die internationale
Besatzungsmacht, abgezogen, stünde die Provinz morgen wieder in Flammen.
Doch
welche andere Option bot sich denn noch an jenem 24. März 1999? Hätte Brüssel
statt des Einsatzbefehls zum Bombenkrieg etwa den Balkan-Stabilitätspakt verkünden
sollen? Zu Recht wäre darin eine Geste der Hilflosigkeit gesehen worden. Weder
auf die Machthaber in Belgrad noch auf die Kommandeure der UCK hätte sie
Eindruck gemacht. Das blutige Treiben wäre weitergegangen. Was folgt daraus für
den generellen politischen Leistungsvergleich zwischen Prävention und
Intervention? Prävention ist die überlegene Alternative, die ein militärisches
intervenieren erübrigt, beteuern die einen. Es sind gleichwertige Methoden, die
einander ergänzen, versichern die anderen. Die Kosovo-Erfahrung belehrt eines
Besseren: In bestimmten Konfliktsituationen taugen sie beide nicht.
Natürlich
liegen die prinzipiellen Vorzüge einer planvollen politischen Krisenprävention
auf der Hand. Schon im Kostenvergleich schneidet sie günstiger ab. Sie wendet
die milderen Mittel an und vermeidet den Vorwurf der Inhumanität, den eine
militärische Intervention verdient, die auch gegen zivile Ziele vorgeht. Selbst
wenn präventive Konfliktpolitik in ihrem wichtigsten Vorhaben scheitert, den
Ausbruch von Kampfhandlungen zu verhindern, vermehrt sie nicht den entstehenden
Schaden, richtet selbst keine Zerstörungen an und fordert keine zusätzlichen
Opfer. Andererseits stehen den offenkundigen Vorteilen auch ernsthafte Schwächen
gegenüber. Strukturelle Kriegsursachen zu beseitigen ist eine Aufgabe von
Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Präventionspolitik verspricht keine schnellen
Erfolge. Auf langfristige Wirkung angelegt, richtet sie an Schauplätzen nichts
aus, wo es schon lichterloh brennt.
Um
genau diesen Fall handelte es sich im Kosovo, als die politische
Auseinandersetzung in den bewaffneten Kampf umschlug. Ein von den europäischen
Regierungen notorisch verdrängter Konflikt trat in seine heiße Phase. Aber
immer noch war man vom Aufschaukeln des innerstaatlichen in den internationalen
Krieg ein Jahr entfernt. Volle zwölf Monate standen zur Verfügung, um die
Waffen zum Schweigen zu bringen und eine umfassende politische Konfliktregelung
herbeizuführen - mehr als genug für ein zielbewußtes, aktives
Krisenmanagement. Je vollständiger die Abläufe bekannt werden und je freimütiger
die Beteiligen von damals ihr Detailwissen preisgeben, desto klarer wird, warum
die Zeitspanne ungenutzt verstrich. Den maßgeblichen Krisenmanagern ging es
weder um eine friedliche Disziplinierung beider Konfliktseiten noch um die
Durchsetzung eines beiden Seiten zumutbaren Kompromisses. Vielmehr ging es um
die Unterstützung des einen Kontrahenten gegen den anderen, und es ging um die
Statuierung eines Exempels. In diesem Licht war der Entschluß zum Krieg alles
andere als eine alternativlose Entscheidung.
Prävention
oder Intervention? Die Debatte trägt höchst akademische Züge. Beide
Alternativen sind kein Ersatz für Politik. Sie machen das gute alte
Krisenmanagement nicht überflüssig. Vom internationalen Umfeld eines gewaltträchtigen
Konflikts können dämpfende oder anheizende Impulse ausgehen. Über die verpaßten
Gelegenheiten läßt sich dann nachträglich streiten. Vier Balkankriege in
einem Jahrzehnt liefern Anschauungsmaterial in Fülle. Seit Monaten lokalisieren
die Regionalkorrespondenten Montenegro als wahrscheinlichsten Austragungsort des
fünften Krieges, und wieder geschieht nichts, das heraufziehende Verhängnis
abzuwenden. Erneut sucht sich eine Teilrepublik aus dem jugoslawischen Staat zu
lösen. Der Westen honoriert das Bemühen mit Wirtschaftshilfe, mit einer
eigenen Währung und mit militärischer Aufrüstung. Um einen Waffengang zu verhüten,
ist das vermutlich zu wenig, wenn es denn darum überhaupt noch geht.