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IFSH |
Götz Neuneck und Tom Bielefeld
US Raketenabwehr: Nach dem Test ist vor dem Test.
Über das Testprogramm für das amerikanische
Raketenabwehrsystem NMD und den fehlgeschlagenen Abfangtest am 7. Juli.
Am Freitag abend ist über dem Pazifik der mit
Spannung erwartetet dritte Abfangtest für das geplante amerikanische
Raketenabwehrsystem National Missile Defense (NMD) fehlgeschlagen. Um 21:18 Uhr
Ortszeit (5:18 Uhr am Samstag morgen deutscher Zeit) wurde von der Vandenberg
Luftwaffenbasis in Kalifornien eine umgerüstete Minuteman-II-Rakete in den
Weltraum gestartet. Zwanzig Minuten später hob 8000 Kilometer entfernt auf dem
Kwajalein-Atoll im pazifischen Ozean eine zweite Rakete ab. Diese Rakete hatte
einen Abfangflugkörper, das sogenannte "Kill Vehicle", an Bord.
Weitere zehn Minuten später sollte dieses Kill Vehicle über dem Pazifik mit
einer Geschwindigkeit von 19.000 Kilometern pro Stunde mit dem Minuteman-Sprengkopf
kollidieren und ihn zerstören. Dies ist jedoch gescheitert, weil während des
Fluges eine Fehlfunktion an der Abfangrakete die Abtrennung des Abfangflugkörpers
von der letzten Trägerstufe verhinderte.
Wäre dieser
Versuch gelungen, so hätte US-Präsident Clinton wohl schon bald grünes Licht
für die Fortsetzung des NMD-Programms gegeben. Nach dem Scheitern des Versuchs
wird jedoch erwartet, daß die Stationierungsentscheidung in die Amtszeit des nächsten
Präsidenten verschoben werden wird. Dieser Mißerfolg
ist zudem Wasser auf die Mühlen der stetig wachsenden Zahl von Kritikern der
Raketenabwehr, die schon vorher bezweifelten, daß die Technik des NMD überhaupt
funktionieren kann.
Weltweit
wurde der dritte Abfangversuch mit großer Spannung erwartet, hatte doch US-Präsident
Clinton noch für den Herbst eine Entscheidung über die NMD-Stationierung angekündigt.
Eine positive Stationierungsentscheidung in diesem Jahr wäre notwendig, um das
erste rudimentäre Abwehrsystem schon bis zum Jahre 2005 einsatzbereit zu machen.
Nach diesem engen Zeitplan, der auf der umstrittenen
Einschätzung der amerikanischen Geheimdienste beruht, nach der Staaten
wie Nordkorea die USA bereits in fünf Jahren mit Langstreckenraketen bedrohen könnten,
müßten die Bauarbeiten für eine wichtige Radaranlage in Alaska bereits im Frühjahr
2001 beginnen. Der ABM-Vertrag zwischen den USA und Rußland müßte zu dem
Zweck bis Ende dieses Jahres gekündigt oder aber wesentlich modifiziert werden,
weil die geplanten Komponenten dem bisherigen Vertragstext eindeutig
widersprechen. Clinton hat sich mit dem Zeitplan also selbst stark unter Druck
gesetzt. Rußland und China haben als Reaktion auf das amerikanische Vorhaben
bereits angedroht, sich aus Rüstungskontrollverträgen zurückzuziehen und die
eigenen strategischen Nukleararsenale zu erhalten und auszubauen.
Die Kriterien,
die der Entscheidung des Präsidenten zugrunde liegen sollen, sind, neben den
Kosten, der Bedrohung und den Folgen für die Rüstungskontrolle, auch die
technische Machbarkeit des Systems.
Mit Sicherheit dürfte das Ergebnis vom letzten Wochenende also einen großen
Einfluß auf die Entscheidung Clintons haben. Allerdings hat
Verteidigungsminister Cohen vor wenigen Wochen schon einmal vorsorglich erklärt,
auch im Falle eines Versagens sei eine positive Wertung des Tests möglich.
Wichtig sei in diesem Zusammenhang vor allem der Grund für den möglichen Mißerfolg.
Ursprünglich hatte es im Pentagon geheißen, daß zwei gelungene Versuche
Voraussetzung für die Erfüllung des Kriteriums „technische Reife“ seien.
Dem fehlgeschlagenen Versuch am Freitag waren aber erst zwei Abfangtests, im
Oktober 1999 und im Januar 2000, vorausgegangen, von denen nur der erste als
Erfolg gewertet werden konnte.
Drei Versuche - zwei Fehlschlage
Beim Testflug im Oktober letzten Jahres hatte der Abfangflugkörper sein Ziel zwar durch einen direkten Treffer zerstört, vorher aber Schwierigkeiten gehabt, es zu finden. Während des Abfangvorgangs manövrierte das Kill Vehicle zunächst lange auf eine ebenfalls im Weltraum plazierte Ballon-Attrappe zu, ehe es im letzten Moment sein eigentliches Ziel, den Gefechtskopf, erkannte und umsteuerte. Eine Überprüfungsbehörde des Pentagon kam einige Zeit später zu der Einschätzung, dass es unklar sei, ob der Treffer auch in Abwesenheit des hellen Ballons gelungen wäre. Im Januar schließlich versagte die Kühlung für die Infrarotsensoren des Abfangflugkörpers. Geblendet von der Wärme seiner eigenen Bordelektronik flog das Kill Vehicle dreißig Meter am Ziel vorbei.
Bei dem dritten Abfangtest am letzten Wochenende wurden nun erstmals die Frühwarnsatelliten, die Kommandozentrale in Colorado und ein Prototyp des hochmodernen X-Bandradars auf Kwajalein zugeschaltet. Insgesamt hat das Experiment, wie seine Vorgänger, rund hundert Millionen Dollar gekostet. Dennoch waren, nüchtern betrachtet, wohl nur wenig neue Erkenntnisse erwartet worden. Der Grund dafür sind die nahezu idealen Versuchsbedingungen, unter denen der Test stattfand. Überprüft werden sollte lediglich, ob das System in der Lage ist, einen Gefechtskopf abzufangen, der ohne Tarnung und weitgehend allein, d. h. ohne ernstzunehmende Attrappen, im nahen Weltraum unterwegs ist.
Die getesteten NMD-Komponenten entsprachen dabei aber noch nicht den geplanten Endversionen. Beispielsweise wird die eigentlich eingeplante stärkere Raketenstufe, die das Kill Vehicle im Ernstfall in den nahen Weltraum schießen soll, frühestens im nächsten Jahr getestet werden können. Somit bleibt vorerst die Frage offen, ob der Abfangflugkörper die wesentlich höheren Beschleunigungen aushalten wird. Startzeitpunkt, Ort und die ungefähre Flugbahn der Minuteman-Zielrakete waren dem Abfangteam bekannt. Das abzufangende Ziel war kooperativ, d.h. Größe, Form und thermische Signatur des Gefechtskopfs und des einzigen Täuschkörpers waren bekannt. Die Flugbahn wurde so ausgerichtet, daß das Kill Vehicle nicht von der Sonne geblendet, wohl aber die Zielkörper gut ausleuchtet worden wären. Letztlich war dieses Experiment also lediglich ein Test dafür, ob die NMD-Basistechnologie unter günstigsten Voraussetzungen funktioniert und die schon vorhandenen Systeme zusammenarbeiten können. So gesehen, hätte, außer einem Versagen von Teilkomponenten, eigentlich nicht viel schiefgehen können.
Daß der
Abfangversuch dennoch gescheitert ist, ist also schon fast erstaunlich.
Allerdings macht der Fehlschlag auch deutlich, wie schwierig es selbst unter
Idealbedingungen und nach langen Monaten der Vorbereitung ist, das noch unvollständige
aber schon hinreichend komplexe NMD-Basissystem verläßlich zum Funktionieren
zu bringen.
Die Ursache
des Scheiterns lag in einem eigentlich unkritischen System, nämlich dem der Trägerrakete
für den Abfangflugkörper. In den ersten Stellungnahmen vom Wochenende erklärten
Vertreter des Pentagon, daß es mit der Trägerrakete während des Fluges gleich
zwei Probleme gegeben habe. Das erste Problem trat nach einem Flugmanöver auf,
das die Rakete durchführen mußte, weil sie anscheinend während des Anfluges
auf ihr Ziel ihre Geschwindigkeit korrigieren mußte. Nach diesem Flugmanöver
begann die Rakete zu taumeln und von ihrem Kurs abzuweichen. Wenig später, nach
dem Ausbrennen der zweiten Stufe, erwartete das Kill Vehicle das elektronische
Signal zum Abkoppeln, das aber nicht gesendet wurde. Aus diesem Grund löste
sich der Abfangflugkörper nicht von der Trägerrakete und konnte so die
entscheidende Phase des Abfangvorgangs gar nicht erst beginnen. Alle anderen
Systeme liefen bis zu diesem Zeitpunkt anscheinend normal.
Für das
Pentagon ist das Scheitern dieses Experiments daher besonders ärgerlich. Ein
Fehler, der in der kritischen Schlußphase des Experiments, dem autonomen
Auffinden und Zerstören des Ziels durch den Abfangflugkörper, aufgetreten wäre,
hätte den NMD-Entwicklern zumindest neue Erkenntnisse über kritische
Systemkomponenten gebracht, aus denen sie hätten lernen können.
Keine Antwort auf Gegenmaßnahmen
Daß der
Abschuß eines einzelnen, ungetarnten Gefechtskopfs im Weltraum in naher Zukunft
technisch möglich werden wird, daran zweifelt mittlerweile kaum jemand mehr,
trotz der jüngsten Rückschläge.
Was die
meisten Experten hingegen bezweifeln, ist, daß das NMD auch unter realistischen
Bedingungen funktionieren würde, d. h. wenn der Angreifer Gegenmaßnahmen,
sogenannte „Countermeasures“ einsetzt, um seinen Gefechtsköpfen das
Durchdringen der Raketenabwehr zu erleichtern. In keinem der Abfangtests wurden
bisher ernsthafte Versuche unternommen, das System mit Hilfe von Gegenmaßnahmen
zu täuschen. Wie aber erst kürzlich wieder eine unabhängige wissenschaftliche
Studie gezeigt hat, stehen einem potentiellen Angreifer eine ganze Reihe von
technischen Mitteln zur Verfügung, die vergleichsweise einfach zu realisieren
sind und einzelne oder alle NMD-Sensoren austricksen können. Simple, aber
raffinierte Attrappen, eine Stickstoffkühlung für den Gefechtskopf oder
schlicht das Überrennen der Abwehr durch zu viele kleine Behälter mit
Biowaffen - all diese Gegenmaßnahmen haben bei den NMD-Tests bisher keine Berücksichtigung
gefunden. Lediglich ein großer, heller Ballon, der sich schon von seiner äußeren
Form deutlich von einem kegelförmigen Gefechtskopf unterscheidet, wurde bei den
bisherigen Experimenten eingesetzt, „um es dem System nicht zu leicht zu
machen“, so der Direktor der Raketenabwehrbehörde BMDO,
Ronald Kadish. Letztlich mußten die Infrarotsensoren des Abfangflugkörpers
bei allen Versuchen bisher also nur beweisen, daß sie heiße, also besonders
helle Objekte, von kalten Objekten unterscheiden können, wobei man ihnen vorher
einprogrammiert hat, daß der Gefechtskopf das dunkle, kalte Objekt ist.
In den vergangenen Monaten sind eine ganze Reihe von weiteren Vorwürfen gegen die Testplaner im Pentagon erhoben worden. Der gewichtigste Angriff kam dabei vom renommierten MIT-Professor Ted Postol, der unter Präsident Reagan als Berater für das Raketenabwehrprogramm der US-Navy tätig war. Grundlage seiner Kritik sind Unterlagen über den allerersten NMD-Flugtest im Juli 1997. Bei diesem Experiment soll zu Datenmanipulationen gekommen sein. Das jedenfalls behauptete eine entlassene Mitarbeiterin einer der beteiligten Unternehmen. Ein weiteres Ergebnis seiner Analyse: Das zu geringe Auflösungsvermögen der NMD-Sensoren mache die Unterscheidung des Ziels selbst von primitivsten Attrappen völlig unmöglich. Mehr noch: Dieses Resultat sei den beteiligten Unternehmen und dem Pentagon schon damals bekannt gewesen (siehe Anhang).
Die Funktion im Krisenfall: zweifelhaft
Selbst wenn
beim Versuch alles wie geplant funktioniert hätte, so hätte dies folglich noch
längst nicht gezeigt, daß das NMD-System auch unter operativen, das heißt „Kriegsbedingungen“,
funktionieren würde. Die Flugbahnen z. B. nordkoreanischer Raketen verlaufen
von Ost nach West, nicht umgekehrt, wie bei den bisherigen Tests. Auch wären im
Ernstfall Zeit, Ort und Art des Trägers dem US-Abwehrteam nicht bekannt. Auch würde
kein Angreifer seine Raketen dann starten, wenn die Sprengköpfe und Attrappen günstig
von der Sonne beschienen werden. Gravierend ist aber vor allem die Tatsache, daß
einem vermeintlichen Gegner Dutzende Gegenmaßnahmen zur Verfügung stehen, um
den Abfangvorgang im Weltraum zu erschweren.
In
offiziellen Stellungnahmen heißt es, der Schwierigkeitsgrad der Testflüge
solle langsam gesteigert werden. Dies ist im Prinzip eine vernünftige
Vorgehensweise, vorausgesetzt, daß die späteren Tests schließlich unter
realistischeren Bedingungen durchgeführt werden und auch erst danach
entschieden wird, ob die Technik des Systems die Anforderungen erfüllt.
In der
bisherigen NMD-Planung waren beide Bedingungen jedoch nicht erfüllt. Die
Pentagon-Analyse sollte ursprünglich schon in den nächsten Wochen über die
prinzipielle Machbarkeit des NMD-Systems befinden, zu einem Zeitpunkt also, zu
dem es auch im Falle eines erfolgreichen Tests noch keine seriöse Einschätzung
über die technischen Fähigkeiten des System hätte geben können. Mehr noch:
Was bisher über die zukünftige Testplanung bekannt wurde, läßt darauf schließen,
daß selbst die sechzehn verbleibenden Tests bis zur Erststationierung im Jahre
2005 (siehe Tabelle 2) wohl ohne die Einbeziehung realistischer Gegenmaßnahmen
stattfinden werden.
Auch dem
Nachfolger von Präsident Clinton wird also eine verläßliche Grundlage für
eine Stationierungsentscheidung fehlen, egal wie die Tests in den nächsten
Jahren ausfallen werden. Zwei NMD-Experten bemerkten dazu in einem Kommentar für
den Boston Globe vom 11. Mai 2000: „Die Situation ist so, als ob sich eine
Gruppe von Leuten entschließt, eine Brücke zum Mond zu bauen. Anstatt die
technische Durchführbarkeit des gesamten Projekts zu beurteilen, beginnen sie
mit dem Bau der Rampen, weil das der Teil ist, von dem sie wissen, wie er
funktioniert.“
Das Scheitern
des Tests am vergangenen Wochenende hat nun zumindest vorläufig den engen
Zeitplan für die NMD-Stationierung in Frage gestellt. Die Debatte über den
Sinn des Projekts aber wird unvermindert weitergehen.
Anhang:
Tabelle 1
Die
NMD-Architektur, ein globales Netz bestehend aus sechs modernisierten Frühwarnradars,
neun hochauflösenden X-Band-Radars, bis zu 30 Satelliten und 250 in den USA
stationierten Abfangraketen, soll im Jahre 2011 funktionsfähig sein. Die erste
Grundversion ist für 2005 geplant.
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|
C-1 |
C-1 |
C-2 |
C-3 |
|
Komponente |
Eingangsstufe |
Ausbaustufe |
|
|
|
|
|
|
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|
Abfangflugkörper |
20 |
100 |
100 |
250 |
|
Stationierungsplätze |
1 |
1 |
1 |
2 |
|
X-Band-Radaranlagen |
1 |
1 |
4 |
9 |
|
Modernisierte
Frühwarnanlagen |
5 |
5 |
5 |
6 |
|
Kommunikationsrelais |
3 |
3 |
4 |
5 |
|
|
|
|
|
|
|
Kosten
(Mrd. US$) |
25.6 |
29.5 |
35.6 |
48.8 |
|
|
|
|
|
|
|
Frühwarnsatelliten |
|
|
|
|
|
(SBIRS-high) |
2 |
4 |
5 |
5 |
|
SBIRS-low |
0 |
6 |
24 |
24 |
|
Stationierung |
2005 |
2007 |
2010 |
2011 |
Kosten der SBIRS-Low Satelliten bis 2015: ca. 10.6 Mrd US$
Weitere Erläuterungen zu den bisherigen Tests:
EKV-Sensortests:
Integrated Flight Test (IFT) 1-A und IFT-2
Bei den
Testflügen IFT 1-A (7. Juli 1997)
und IFT 2 (15. Januar 1998) wurden zwei verschiedene Abfangflugkörper erprobt,
von denen der erste von der Firma Boeing und der zweite von der Firma Raytheon
konstruiert wurde. Zu diesem Zweck wurden zehn Objekte in den Weltraum gebracht,
darunter der knapp zwei Meter lange, konisch geformte Gefechtskopf sowie Ballons
verschiedener Größe und leichte Attrappen. Ziel der Tests war es, zu überprüfen,
ob die Bordsensoren des Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV) und die zugehörige
Software in der Lage sind, diese Objekte aufzufinden und den Gefechtskopf von
den Ballons und Attrappen zu unterscheiden.
Der Ablauf
der Versuche war in beiden Fällen identisch. Gefechtskopf und Attrappen wurden
im Kopf einer umgebauten Minuteman-II-Rakete von der Vandenberg Air Force Base
in Kalifornien in den Weltraum gebracht. Die Trägerrakete mit dem EKV wurde
etwa 8000 km entfernt von einer Insel im Pazifischen Ozean (Kwajalein Missile
Range) gestartet und mit Hilfe von Radardaten und dem GPS-Signal des
Gefechtskopfs auf Abfangkurs gebracht. Die EKV wurden dann einige hundert
Kilometer von ihrem Ziel ausgesetzt und flogen anschließend an dem Feld mit den
zehn Objekten vorbei, wobei sie deren Infrarot- und optische Signale
registrierten.
Beide
Versuche wurden anschließend von der BMDO als Erfolg gewertet. Die Objekte
seien gefunden und abgebildet worden und es sei dem System möglich gewesen,
zwischen Gefechtskopf und Attrappen zu unterscheiden. Allerdings wußte das EKV
in beiden Tests genau, wonach es Ausschau halten sollte. Die geometrischen und
physikalischen Eigenschaften aller Objekte waren exakt bekannt, und es wurde
kein Versuch unternommen, den Gefechtskopf durch Antisimulation zu tarnen.
In den vergangenen Monaten sind eine ganze Reihe von weiteren Vorwürfen gegen die Testplaner im Pentagon erhoben worden. Der gewichtigtse Angriff kam dabei vom renommierten MIT-Professor Theodore Postol, der unter Präsident Reagan als Berater für das Raketenabwehrprogramm der US-Navy tätig war. Grundlage seiner Kritik sind Unterlagen über den diesen NMD-Flugtest im Juli 1997. Dieser Test, zusammen mit einem weiteren im Januar 1998, wurde durchgeführt, um die Sensoren der Abfangflugkörper zu erproben. Eine Kollision war dabei noch nicht vorgesehen. Die beiden Prototypen des Kill Vehicles sollten lediglich im Vorbeiflug Daten von zehn Objekten sammeln und analysieren. Bei diesen Objekten handelte es sich um einen Gefechtskopf sowie um Ballons verschiedener Größe und leichte Attrappen. Die gewonnenen Daten sollten dann dazu verwendet werden, die Computersoftware für die Zielidentifikation zu testen.
Bei dem ersten Experiment soll es dabei zu Datenmanipulationen gekommen sein. Das jedenfalls behauptete eine entlassene Mitarbeiterin eines der beteiligten Unternehmen. Die in einem Gerichtsverfahren gegen das Unternehmen freigegebenen Dokumente wurden dann auch von Postol untersucht. Sein Ergebnis: Das zu geringe Auflösungsvermögen der NMD-Sensoren mache die Unterscheidung des Ziels selbst von primitivsten Attrappen völlig unmöglich. Mehr noch: dieses Resultat sei den beteiligten Unternehmen und dem Pentagon schon damals bekannt gewesen. Sie hätten daraufhin die Daten manipuliert und das Problem zu vertuschen versucht.
NMD-Abfangtests: IFT-3 und IFT-4
Die Testflüge
IFT-3 und IFT-4 sollten die sogenannte „hit-to-kill“-Abfangtechnik
demonstrieren. In beiden Fällen sollte ein Abfangflugkörper den Gefechtskopf
von einer in der Nähe befindlichen Attrappe unterscheiden und durch einen
direkten Treffer zerstören. Während des ersten Tests, durchgeführt am 2.
Oktober 1999 mit dem Boeing-EKV, gelang dies auch. Beim zweiten Versuch
allerdings, am 18. Januar dieses Jahres, verfehlte das Raytheon-EKV sein Ziel um
etwa dreißig Meter, weil das Kühlsystem für die Infrarot-Bordsensoren
versagte.
IFT-3
erprobte lediglich den Abfangflugkörper selbst, keine anderen Systemkomponenten
wurden in diesen Test mit einbezogen. Die Informationen über die Position des
Ziels, die notwendig ist um Zeit und Ort für das Aussetzen des EKV zu bestimmen,
wurde anstatt von einem Radarsystem vom Gefechtskopf selbst, mit Hilfe eines
GPS-Senders, übermittelt.
Der
Versuchsablauf war dem der ersten beiden Tests sehr ähnlich. Allerdings wurde
diesmal weitgehend auf den Einsatz von Attrappen verzichtet. Lediglich ein
heller Ballon mit einem Durchmesser von 2,2 Metern wurde dem Gefechtskopf
hinzugefügt, ein Objekt also, das sich vom eigentlichen Ziel sowohl
hinsichtlich der Form als auch der Temperatur deutlich unterschied. Zusätzlich
befand sich noch der Bus, von dem Gefechtskopf und Ballon sich kurz zuvor gelöst
hatten, im Blickfeld der Sensoren.
Nachdem das
EKV sich vom Träger gelöst hatte, mußte es das Zielobjekt selbstständig
identifizieren und ansteuern. Dieses gelang und der Gefechtskopf wurde schließlich
in 225 Kilometern Höhe über dem Pazifischen Ozean zerstört. Die Annäherungsgeschwindigkeit
betrug in diesem Experiment 6.7 Kilometer pro Sekunde.
Was zunächst
wie ein klarer Erfolg für die NMD-Entwickler aussah, mußte wenig später
wieder relativiert werden. Genauere Untersuchungen ergaben, dass es im Verlauf
des Tests eine Reihe von „Anomalien“ gegeben hatte. Obwohl alle Objekte im
Zielbereich sich hinsichtlich ihrer thermischen Signatur stark unterschieden und
von vorne herein bekannt war, dass der Gefechtskopf das dunkelste und kleinste
Objekt sein würde, hatte das EKV offensichtlich Schwierigkeiten, sein Ziel zu
identifizieren. Es manövrierte nämlich statt auf den Gefechtskopf zunächst
auf den hellen Ballon zu. Beide Objekte waren jedoch so dicht nebeneinander,
dass auch das eigentliche Ziel später ins Blickfeld der EKV-Sensoren geriet und
gerade noch rechtzeitig angesteuert werden konnte.
Philip Coyle
(Director of Operations, Tests & Evaluation, DOT&E), zuständig für die
Testprogramme des Pentagon, kommt daher in seinem Jahresbericht 1999 zu dem
Schluß, dass es keine Basis für eine abschließende Bewertung des IFT-3 gäbe.
Es sei unklar, ob der Treffer auch in Abwesenheit des hellen Ballons gelungen wäre.
Beim IFT-4
war die Bewertung eindeutiger. Wie schon erwähnt, mißlang der Test, weil das Kühlsystem
für die Infrarotsensoren ausfiel. Diese Sensoren wurden deshalb von der Wärme
der eigenen Bordelektronik geblendet und konnten so ihr Ziel nicht detektieren.
Neben der
Tatsache, dass bei diesen Testflügen keine realistischen Attrappen verwendet
wurden, die das System hätten verwirren können, gibt es noch einen weiteren,
wichtigen Kritikpunkt an der Versuchsgeometrie der Tests. Es fällt nämlich
auf, dass die Zeitpunkte der Tests immer in die kalifornischen Abendstunden
gelegt wurden (IFT-3: 19.20 Uhr, IFT-4: 19.19 Uhr Ortszeit). Da die Trajektorien
der Zielobjekte westwärts verlaufen und die der Abfangflugkörper ostwärts,
befindet sich die Sonne immer hinter dem EKV und sorgt dadurch für eine ideale
Ausleuchtung der Zielobjekte. Im Gegensatz dazu würden Angriffe auf das
Territorium der USA, beispielsweise von Nordkorea, natürlich auch auf
Flugbahnen in entgegengesetzter Richtung stattfinden können und zu jeder Tages-
oder Nachtzeit möglich sein.
Der gescheiterte dritte Abfangtest: IFT-5
Der dritte
Abfangtest, IFT-5, war ursprünglich bereits für den 27. April vorgesehen und
fand schließlich am Abend des 7. Juli um 21:18 Uhr kalifornischer Ortszeit
statt. Hinsichtlich der äußeren Bedingungen unterschied er sich nicht von den
beiden vorherigen Tests. Wieder wurde neben dem Gefechtskopf nur ein Ballon in
den Weltraum gebracht, und wieder starteten Zielobjekte und Abfangflugkörper
von Kalifornien bzw. von Kwajalein aus in den Weltraum.
Bei diesem
Test wurden allerdings erstmals neben dem EKV auch andere NMD-Komponenten
miteinbezogen, daher war IFT-5 der erste sogenannte „Integrierte Systemtest“.
Zugeschaltet wurden erstmals die DSP-Frühwarnsatelliten, ein Prototyp
X-Band-Radar auf Kwajalein und die Kommandozentrale in Colorado. Ein Teil dieser
Systeme nahm zwar schon an den vorherigen Tests teil, aber nur im sogenannte
„Shadow“-Modus. Das heißt, die Systeme waren eingeschaltet und nahmen ihre
Aufgaben wahr, waren aber nicht direkt mit dem Experiment verbunden.
Ein wichtiges
Systemelement für das NMD stand aber auch beim IFT-5 noch nicht bereit. Die
eigentliche Hochgeschwindigkeits-Trägerrakete für das EKV befindet sich nämlich
noch in der Entwicklung und wird frühestens im nächsten Jahr getestet werden können,
voraussichtlich beim IFT-7.
Erst dann wird sich zeigen, ob das EKV die durch die wesentlich stärkere
Beschleunigung entstehenden härteren Belastungen unbeschadet überstehen wird.
Nach den
ersten Angaben aus dem Pentagon scheiterte IFT-5 wahrscheinlich an einer
Fehlfunktion der Abfangrakete. Nach dem Ausbrennen der zweiten Trägerstufe
wurde offenbar das Signal, daß die Abtrennung des Kill Vehicles einleitet,
nicht gesendet. Dies führte dazu, daß das Kill Vehicle sich nicht von der
Abfangrakete löste und somit auch den eigentlichen, autonomen Abfangvorgang
nicht beginnen konnte.
Während des
Zielanflugs wurde bei der Trägerrakete, für deren Technik die Firma
Lockheed Martin Missiles & Space zuständig war,
noch eine weitere Anomalie festgestellt. Nach einem Flugmanöver, das zur
Drosselung der Raketengeschwindigkeit notwendig wurde, begann die Rakete zu
taumeln und von ihrem Kurs abzuweichen.
Zwei zusätzliche,
kleinere Probleme, die kurz vor dem Flug bzw. kurz danach bekannt wurden,
beziehen sich auf die Minutenman-Rakete, die den Gefechtskopf und die
Ballon-Attrappe in den Weltraum bringen sollte. Der Start dieser Rakete mußte
zunächst um etwa zwei Stunden verschoben werden, weil kurz zuvor entdeckt wurde,
daß die Batterie der Telemetrie-Einheit dieser Rakete zu schwach war und
ausgetauscht werden mußte. Das Telemetrie-System liefert während des Fluges
Informationen über die Flugbahn der Rakete und ermoeglicht den Ingenieuren
hinterher, den genauen Ort der Kollision zu bestimmen. Nach dem Start und dem
Freisetzen der Zielobjekte im Weltraum wurde außerdem bemerkt, daß die
Ballon-Attrappe sich nicht entfaltet und aufgeblasen hatte.
Weitere Testplanung
Bis zur
geplanten Erststationierung des NMD im Jahre 2005 sind mindestens 16 weitere
Tests geplant, davon mindestens acht vor der letztendlichen Entscheidung über
das Design der Abfangflugkörper. Der nächste Test ist für Oktober 2000
angesetzt.
Die
bisherigen Flugtests haben durchschnittlich einhundert Millionen Dollar gekostet.
Um Kosten und Zeit zu sparen, werden zusätzlich Computersimulationen und eine
Reihe von Tests in eigens zu diesem Zweck eingerichteten Labors am Boden
durchgeführt. Auch bezüglich dieser Tests hat der DOT&E in seinem
Jahresbericht 1999 Kritik geäußert, unter anderem daran, daß die
Testeinrichtungen
am Boden die realistischen Annäherungsgeschwindigkeiten des EKV an sein Ziel
nicht simulieren können. Auch wird wichtige Computersoftware um Monate zu spät
fertig werden und so im demnächst erscheinenden Gutachten des Pentagon
(„Defense Readiness Review“, DRR) wohl nicht mehr berücksichtigt werden können.
Der Bericht des DOT&E sagt letztlich, daß kein funktionierendes
Simulationssystem für das NMD existiert und diese Tatsache die Beurteilung der
Effektivität des Systems stark einschränken wird.
Die folgende
Aufstellung gibt einen Überblick über den bisherigen Testverlauf und die zukünftige
Zeitplanung:
Tabelle 2: NMD-Test- und Stationierungsplanung
|
|
Test/ Entscheidung |
Ergebnis/Inhalt |
|
Juni 1997 |
IFT-1A |
Geplanter Vorbeiflug mit einem Kill Vehicle von Boeing, Sensortest |
|
Januar 1998 |
IFT-2 |
Geplanter Vorbeiflug mit einem Kill Vehicle von Raytheon, Sensortest |
|
2. Oktober 1999 |
IFT-3 |
Erster Abfangtest; testete ausschließlich das Boeing Kill Vehicle. |
|
18. Januar 2000 |
IFT-4 |
Abfangtest mit einem
Raytheon Kill Vehicle; Kollision fehlgeschlagen wegen Ausfall der
Infrarotsensoren |
|
7. Juli 2000 |
IFT-5 |
Abfangtest mit einem Raytheon Kill Vehicle, einschließlich eines integrierten Systemtests, fehlgeschlagen wegen einer Fehlfunktion der Abfangrakete |
|
Juli 2000 |
DRR |
Pentagon-Empfehlung zur
Stationierung |
|
Herbst 2000 |
PDD |
Stationierungsentscheidung |
|
Herbst 2000 |
IFT-6 |
Abfangtest |
|
2001 |
IFT-7, 8 ,9 |
Drei Abfangtests; erste Tests des Gesamtsystems einschließlich des Prototyps der endgültigen Trägerrakete („booster“) |
|
2002 |
IFT-10, 11, 12 |
Drei Abfangtests |
|
2003 |
IFT-13,14, 15 |
Drei Abfangtests; IFT-14 soll der erste Test des Gesamtsystems einschließlich serienreifer Typen des Kill Vehicles und der Trägerstufe sein |
|
2003 |
DAB review |
Entscheidung über die
Produktion der ersten sechzig „ground based interceptors“ |
|
2004 |
IFT-16, 17, 18 |
Drei Abfangtests |
|
2005 |
IOT&E |
Drei Abfangtests; erste Tests unter „operativen“ Bedingungen |
|
2005/2006 |
IOC |
Abschluß der Stationierung der C-1 Eingangsstufe |
|
2006 |
|
Stationierungsbeginn der SBIRS Low Satelliten (24 Satelliten bis 2010) |
|
Ende 2007 |
|
Abschluß der Stationierung der C-1 Ausbaustufe |
Literaturauswahl
U.
S. Department of Defense: News Release,
Nr. 459-99, 2. Oktober 1999, Nr. 392-00,
393-00, 8. Juli 2000, News Briefing,
20. Juni, 6. Juli, 7. Juli, 8. Juli
2000, Background Briefing, 19. Januar 2000 (www.defenselink.mil)
Ballistic
Missile Defense Organization, BMDO Fact Sheet, JN-00-07, JN-00-08,
JN-00-10, Januar 2000, (www.acq.osd.mil/bmdo/html/bmdolink.html)
Paul
Richter, Bettina Boxhall: Defense Missile
Fails in Crucial Test, Los Angeles Times, 8. Juli 2000
Paul
Richter: 3 Snafus Blamed in Failure of Key
Defense Missile Test, Los Angeles Times, 9. Juli 2000
Federation
of American Scientists, Space Policy Project: National
Missile Defense, www.fas.org/spp/starwars/program/nmd.html
Congressional
Budget Office, Budgetary and Technical
Implications of the Administration's Plans for National Missile Defense,
Washington, April 2000
Coalition
to Reduce Nuclear Dangers, Council for a Livable World Education Fund, Pushing the Limits - The Decision on National Missile Defense,
Washington, April 2000
Union
of Concerned Scientists, MIT Security Studies Program, Countermeasures
-A Technical Evaluation of the Operational Effectiveness of the Planned US
National Missile Defense System, Cambridge, April 2000
Uwe
Schmitt: Kritik am US-Raketenabwehrsystem,
Die Welt, 27. Mai 2000