IFSH-LOGO

IFSH
Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg

Falkenstein 1, D-22587 Hamburg, Tel: +49 40 / 866 0770, Fax: +49 40 / 8663615
e-mail: ifsh@rrz.uni-hamburg.de


   

Aufruhr im grössten Waffenlager der Welt

Margret Johannsen in der Basler Zeitung vom 27.10.2000

 

Die israelisch-palästinensische Konfrontation findet in einem durch und

durch militarisierten Umfeld statt. Keine Region der Welt ist so hoch

gerüstet wie der Nahe und Mittlere Osten. Angesichts des Konfliktstoffs und

der trügerischen Stabilität mancher Regimes ist vor allem auch die

Verbreitung von Massenvernichtungswaffen Besorgnis erregend.

 

Durch die Strassen von Kairo, Amman, Bagdad und Damaskus zogen im Oktober

aufgebrachte Volksmassen. Laut ertönte ihre Forderung, den arabischen

Brüdern in Palästina zu Hilfe zu eilen und die heiligen islamischen Stätten

in Jerusalem vor den Ungläubigen zu retten. Militante Töne kamen auch von

zwei Aussenseitern der nahöstlichen Politik: vom Libyer Muammar al-Gaddhafi

und dem Iraker Saddam Hussein. Sie riefen auf zu einer Fortsetzung der

«Al-Aqsa-Intifada» «bis zum Sieg».

 

Nicht weniger martialisch war das Vokabular des israelischen

Premierministers Ehud Barak. Er drohte dem Palästinenserpräsidenten mit

«totalem Krieg», falls Yassir Arafat die Gewalt auf den Strassen des

Westjordanlandes (Westbank) und des Gazastreifens nicht beende. Kriegsangst

ging um. Würde sich der Aufruhr im Heiligen Land auf die Nachbarstaaten

ausweiten? Oder gar auf angrenzende Regionen übergreifen?

 

Hintergrund solcher Befürchtungen ist die Militarisierung des Nahen und

Mittleren Ostens, die ihresgleichen sucht. Man kann sie messen am Anteil

der Rüstungsausgaben am Bruttosozialprodukt, an der Zahl der Soldaten und

am Umfang der Waffenarsenale im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Überall steht

Europas Nachbarregion an der Spitze. Bei Bedrohungsszenarien zäh-len

allerdings vor allem die Kräfteverhältnisse zwischen potenziellen Gegnern.

In einem Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn wäre Israel

quantitativ weit unterlegen. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. In vier

grossen Nahostkriegen haben die arabischen Staaten erfahren müssen, dass

ihre numerische Überlegenheit an Truppen und Waffen die militärischen

Auseinandersetzungen nicht zu ihren Gunsten entscheiden konnte.

 

Ein Drittel aller Waffentransfers

Israels militärische Stärke ist qualitativer Art. Seine

waffentechnologische Überlegenheit beruht auf einer effizienten heimischen

Rüstungsindustrie und US-amerikanischer Militärhilfe. Was immer die USA den

arabischen Staaten an modernstem militärischen Gerät verkaufen, sie sorgen

dafür, dass Isra-els qualitative Überlegenheit erhalten bleibt. Die

immensen Importe konventioneller Spitzentechnologie in die Region - seit

Jahren fliesst rund ein Drittel aller weltweiten Waffentransfers hierher -

sind aus entwicklungspolitischer Sicht gewiss bedenklich. Doch es hat nicht

den Anschein, als bedrohten sie den militärischen Status quo.

Die Gefahr einer militärischen De-stabilisierung der Region geht vielmehr

von dem Wettlauf um den Besitz atomarer, chemischer und biologischer Waffen

samt Trägertechnologie aus. Nur Israel besitzt Atomwaffen - nach

Schätzungen von Experten bis zu 300 Sprengköpfe. Weit verbreitet sind

hingegen chemische Waffen. Mehreren Staaten werden Forschungs- und

Entwicklungsanstrengungen im Bereich biologischer Waffen nachgesagt.

Besonders gefährlich ist die Weiterverbreitung von ballistischen Raketen,

denn gegen sie gibt es kaum Abwehrmöglichkeiten. Ihre hohe

Fluggeschwindigkeit reduziert zudem die Vorwarnzeiten. Sie gelten daher in

Krisen als besonders destabilisierend, weil ein bedrohter Staat versucht

sein könnte, die Arsenale des Gegners vorbeugend auszuschalten.

Ballistische Raketen mit Reichweiten bis 150 Kilometer sind im Nahen Osten

weit verbreitet. Mit der Reichweite der Raketen wächst die Gefahr, dass

eine begrenzte militärische Auseinandersetzung sich zu einem kriegerischen

Flächenbrand ausweitet, in dem Massenvernichtungswaffen eingesetzt werden.

 

Weit reichende Raketen

Als einziger Regionalstaat kann Israel ballistische Raketen grosser

Reichweite eigenständig herstellen. Sie können den grössten Teil der Region

einschliesslich Irans und der zentralasiatischen Republiken erreichen.

Saudi-Arabien besitzt Raketen mit Reichweiten von 2500 Kilometern aus

chinesischer Produktion. Eine Reihe von Staaten versucht, bei der

Raketentechnik aufzuholen. Iran hat im Juli dieses Jahres eine Rakete mit

einer Reichweite von 1300 Kilometern erfolgreich getestet. Israel rüstet

sich gegen die künftige Gefahr und entwickelt mit Hilfe der USA das

Raketenabwehrsystem Arrow. Es soll feindliche ballistische Raketen im Flug

abfangen. Im September dieses Jahres hat es sich erstmals im Test bewährt.

Allerdings ist zweifelhaft, ob es gegen massiven Raketenbeschuss Sicherheit

bieten würde.

 

Israelisches Nuklearmonopol

Ein wesentlicher Faktor in dem regionalen Wettlauf um

Massenvernichtungswaffen liegt im Konflikt zwischen Israel und den

arabischen Staaten begründet. Die bald nach der Staatsproklamation 1948

getroffene israelische Entscheidung, Atomwaffen zu entwickeln, war die

Antwort auf die Entschlossenheit der arabischen Welt, den jungen Staat «ins

Meer zu treiben». Nach Auffassung der arabischen Staaten ist das regionale

Nuklearmonopol Israels die entscheidende Ursache für die Weiterverbreitung

von Massenvernichtungswaffen in der Region. Israel hält trotz seiner

Überlegenheit bei modernsten konventionellen Waffensystemen an seiner

Nuklearoption in der Überzeugung fest, dass sie das Überleben des jüdischen

Staates am sichersten gewährleiste.

 

Als weiterer Grund für das Interesse einiger Regimes an

Massenvernichtungswaffen kann die Konkurrenz um regionale Hegemonie gelten.

Schliesslich erscheinen Massenvernichtungswaffen geeignet, die

Interventionsbereitschaft der USA bei Regionalkonflikten zu unterminieren.

Im zweiten Golfkrieg 1991 liessen die USA mit ihrer überlegenen

konventionellen Streitmacht keinen Zweifel daran, dass jeglicher Versuch,

ihnen ebenbürtige konventionelle Waffensysteme entgegenzusetzen, zum

Scheitern verurteilt ist. Aus Sicht einer Regierung, die einen Angriff auf

einen Nachbarstaat plant und fürchten muss, dass sie damit «vitale

Interessen» der USA verletzen könnte, würde die Supermacht zögern, auf dem

Kriegsschauplatz einzugreifen, wenn amerikanische Soldaten A-, B- oder

C-Waffen ausgesetzt wären.

 

Rüstungswettläufe bei Massenvernichtungswaffen hat es auch in Europa

gegeben. Doch dort herrschte auf der Grundlage der Interkontinentalraketen

der Supermächte eine strategische Balance. Davon kann im Nahen und

Mittleren Osten nicht die Rede sein, im Gegenteil. Israel ist dabei, eine

«Zweitschlagsfähigkeit» aufzubauen. Im Juni dieses Jahres startete ein

Marschflugkörper von einem israelischen U-Boot im Indischen Ozean. Die

Militärs betrachten eine schwer zu ortende und darum kaum zerstörbare

U-Boot-Flotte, die mit Nuklearwaffen bestückt ist, als Garantien einer

zuverlässigen Abschreckungsmacht. Bereits heute besitzt die israelische

Marine drei auf deutschen Werften gebaute U-Boote der Delphin-Klasse, die

nach Meinung von Militärexperten den Start nuklear bestückter

Marschflugkörper (Cruise Missiles) gestatten.

 

Bindungen zu USA unter Druck

Die israelischen Militärs erwarten von der maritimen Abschreckung ein Mehr

an Stabilität im Nahen und Mittleren Osten - auf der Basis einer

unangefochtenen strategischen Überlegenheit Israels. Ob dessen potenzielle

Gegner in diesem Raum es so weit kommen lassen, ist eine offene Frage.

Zudem ist fraglich, ob Abschreckung in der nah- und mittelöstlichen Region

so funktionieren kann wie im Ost-West-Konflikt. Schliesslich waren die

territorialen Streitfragen in Europa durch völkerrechtliche Verträge längst

beigelegt. Wie die «Al-Aqsa-Intifada» erneut in Erinnerung rief, ist dies

im Nahen und Mittleren Osten keineswegs der Fall.

 

Die Führer der arabischen Staaten können die Proteste ihrer Bürger gegen

Israels Versuch, den Aufstand mit militärischer Härte niederzuschlagen,

nicht einfach ignorieren. Zu Hause mit islamischer Fundamentalopposition

konfrontiert, fürchten sie, dass die Empörung der arabischen Volksmassen

sich gegen sie richten könnte, wenn sie den Palästinensern nicht den Rücken

stärken. Vor allem die arabischen Staaten mit engen Bindungen an die USA

fürchten die anti-amerikanischen Gefühle, die sich auf den Strassen in

Parolen wie «Tod für Amerika» entladen. Denn hier wird letzten Endes ihre

strategische Entscheidung für die Partnerschaft mit den USA in Frage

gestellt - und damit auch die Legitimität ihrer Regime.

 

Es ist diese Gemengelage aus innenpolitischer Instabilität, ungelösten

politischen Konflikten und fehlender strategischer Balance, die im Nahen

Osten die Rüstungswettläufe bei A-, B- und C-Waffen sowie den Trägerraketen

so gefährlich macht. Zudem wäre ein Krieg mit Massenvernichtungswaffen kaum

auf die Region eingrenzbar. Die USA würden zumindest dann militärisch

eingreifen, wenn die Existenz Israels auf dem Spiel stünde. Für einen

solchen Krieg wäre in der Tat der Begriff «total» angebracht.

 

Rüstungskontrolle chancenlos

Doch an einer militärischen Eskalation ist gegenwärtig weder Riad noch

Kairo, noch Damaskus oder Amman gelegen. Aber keine Regierung ist ewig.

Deshalb wäre es an der Zeit, endlich den Absichtserklärungen Taten folgen

zu lassen und in Gespräche über die Schaffung einer Zone im Nahen und

Mittleren Osten einzutreten, aus der alle Massenvernichtungswaffen verbannt

sind. Solange allerdings im Palästina-Konflikt die Gewalt regiert, besteht

hierauf kaum Aussicht. Rüstungskontrolle kann die politische Regelung eines

Streits, in dem sich nationale und religiöse Elemente durchdringen, nicht

ersetzen.