Welche Bedingungen sind nötig, damit eine Wehrdienstreform gelingen kann, ohne die Gesellschaft zu spalten? Diese Frage stand im Zentrum einer öffentlichen Online-Diskussion des Berliner Büros des IFSH im Rahmen des Deutschen Forums Sicherheitspolitik am 7. Mai 2026. (c) IFSH

Diskussion mit Videoaufzeichnung: Zwischen „Kriegstreibern“ und „Drückebergern”

Die Diskussion über eine Neugestaltung des Wehrdienstes wird in Deutschland derzeit sehr emotional geführt. Zwischen zugespitzten Positionen und moralischen Zuschreibungen geraten sachliche Fragen zu Sicherheit, Fairness und politischer Umsetzbarkeit leicht aus dem Blick. Welche Bedingungen nötig sind, damit eine Wehrdienstreform gelingen kann, ohne die Gesellschaft zu spalten, stand im Zentrum einer öffentlichen Online-Diskussion des Berliner Büros des IFSH im Rahmen des Deutschen Forums Sicherheitspolitik am 7. Mai 2026.

Es diskutierten Dr. Andrea Ellner (King’s College London), Oberstleutnant i.G. Thilo Geiger (IFSH), PD Dr. Hendrik Hegemann (IFSH), Jennifer Rosin (Landesschülerausschuss Berlin) sowie der Bundestagsabgeordnete Christoph Schmid (SPD). Anja Dahlmann, Leiterin des IFSH-Büros in Berlin, moderierte. Rund 55 Teilnehmende aus Politik, Wissenschaft und interessierter Öffentlichkeit nahmen an der Veranstaltung teil.

Polarisierung der Debatte

Jennifer Rosin beschrieb die Perspektiven junger Menschen, für die Fragen von Freiheit, Pflicht und Gerechtigkeit besonders relevant sind. Thilo Geiger bestätigte, dass es auch in seinen Diskussionen an Schulen um diese Spannungsfelder gehe. Hendrik Hegemann ordnete diese Dynamik mit Blick auf die Polarisierungsforschung ein. Die Debatte werde auch durch Medien und soziale Netzwerke verschärft. Dadurch würden Unterschiede in den Haltungen oft stärker wahrgenommen als die tatsächlichen Unterschiede in den Fakten.

Wehrgerechtigkeit und politische Realität

Im weiteren Verlauf stand die Frage im Mittelpunkt, ob und wie Wehrpflicht in einer pluralistischen Gesellschaft noch normativ anschlussfähig sei. Andrea Ellner betonte, dass ein Wehrdienst nur dann Akzeptanz finden könne, wenn er als fair und inklusiv wahrgenommen werde. Der Wunsch nach Wehrgerechtigkeit bleibe dabei zentral, sei aber politisch und praktisch schwer zu erfüllen. Christoph Schmid verwies auf die Grenzen politischer Kompromisse und die Schwierigkeit, unterschiedliche Erwartungen in ein tragfähiges Gesetz zu übersetzen. Entscheidend sei, die Reform so zu gestalten, dass sie nicht als ungerecht wahrgenommen werde. Zugleich zeigte sich, dass es in der Wehrdienstfrage durchaus unterschiedliche, aber nicht zwingend unüberbrückbare Positionen gebe.

Akzeptanz und internationale Beispiele

Auch die Frage nach den Bedingungen gesellschaftlicher Akzeptanz wurde intensiv diskutiert. Hegemann verwies darauf, dass ein verpflichtender Dienst für viele junge Menschen nur unter bestimmten Voraussetzungen vorstellbar sei, etwa wenn Auswahl und Ausgestaltung als gerecht empfunden würden. Geiger betonte zugleich die praktischen Anforderungen und Herausforderungen, die mit einem solchen Modell verbunden wären. Ellner hob außerdem hervor, dass bei einem möglichen Wehrdienst Fragen von Diversität und Inklusion stärker berücksichtigt werden müssten. In der internationalen Einordnung wurde deutlich, dass es zwar Beispiele für unterschiedliche Wehrdienstmodelle gebe, diese aber nur begrenzt auf Deutschland übertragbar seien. Entscheidend blieben die jeweiligen gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen.

Diskussion mit dem Publikum

In der anschließenden Fragerunde diskutierte das Publikum vor allem über die Bedingungen, unter denen junge Menschen einem Wehrdienst zustimmen würden, das Verhältnis von Wehrpflicht, gesellschaftlicher Teilhabe und einem möglichen verpflichtenden Dienstjahr. Mehrere Beiträge befassten sich zudem mit der Rolle von Schule und Bundeswehr in der Meinungsbildung – etwa mit der Präsenz von Jugendoffizieren, dem Informationsstand junger Menschen zu Verweigerungsmöglichkeiten und den Folgen eines abgeleisteten Dienstes im Ernstfall. Daneben wurden strukturelle Fragen zur Ausgestaltung von Wehrdienst und Berufsarmee, zur Einbindung der Reserve und zur Gleichbehandlung von Soldat:innen diskutiert. 

Aufzeichnung anschauen

Insgesamt wurde deutlich, wie eng individuelle Freiheitsfragen, rechtliche Rahmenbedingungen und sicherheitspolitische Überlegungen in der öffentlichen Wahrnehmung miteinander verknüpft sind. Wer die Argumente und Perspektiven der Podiumsteilnehmenden nachverfolgen möchte, ist herzlich eingeladen, sich die Aufzeichnung der Veranstaltung auf unserem YouTube-Kanal anzusehen. Weitere Informationen zum Deutschen Forum Sicherheitspolitik finden Sie auf der Website der Bundesakademie für Sicherheitspolitik.

Zurück