Die deutsche Debatte um ein Smartphone- und Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche hat auch eine geopolitische Komponente. (c) unsplash

Zwischen Bildungsfrage und Sicherheitsrisiko: Social Media als geopolitische Herausforderung für Demokratien

IFSH-Kurzanalyse von Thilo Geiger und Matthias Schulze


Die deutsche Debatte über ein Smartphone- oder Social-Media-Verbot für Jugendliche dreht sich meist um drei Themen: Konzentration, Leistung, Cybermobbing. Richtig – aber unvollständig. Denn sie blendet aus, dass digitale Sozialisation heute im geopolitischen Kontext stattfindet. Smartphones und soziale Netzwerke sind längst nicht nur Medien, sondern Instrumente wirtschaftlicher Abhängigkeit und gezielter kognitiver Einflussnahme.

Ein einfaches Selbstexperiment mit einer neu installierten TikTok-App zeigt das Problem digitaler Öffentlichkeiten: Bereits nach wenigen unpolitischen Inhalten werden Nutzer:innen mit stark emotionalisierten, politischen Beiträgen überflutet – inklusive Empörung und Gewaltfantasien. Das ist kein Zufall, sondern System. Algorithmen wie bei TikTok, Instagram, YouTube oder X belohnen Inhalte, die starke Emotionen hervorrufen. Empörung bindet Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit bringt Werbeerlöse in Milliardenhöhe. Politikverachtung ist kein Kollateralschaden, sondern Teil der Logik

Kinder besonders angreifbar

In dieser Logik nutzen russische Bots und chinesische Clickfarmen kognitive Kriegsführung, um durch Anheizen politischer Empörung das Vertrauen in Demokratien zu untergraben und autoritäre Bewegungen zu stärken. Auch eine zunehmend autoritäre US‑Regierung hat sich in ihre Sicherheitsstrategie geschrieben, liberale Demokratien zu beeinflussen. Kinder und Jugendliche sind über ihre Smartphones und US‑Apps zu einer Front in diesem Konflikt geworden. Es mehren sich beispielsweise die Indizien, dass die Plattform X politische Diskurse zugunsten rechtsautoritärer Meinungen manipuliert. Ihre gerade erst reifende Urteilsfähigkeit macht junge Zielgruppen besonders angreifbar. KI‑generierter Inhalt verschärft die Situation, weil Fakt und Fiktion kaum noch zu unterscheiden sind. Die Fiktion lässt sich aber schneller und häufiger produzieren.

Demokratieschädliche Effekte digitaler Medien

Die liberale Demokratie ist keine Norm, sondern die fragile Ausnahme und strukturell im Nachteil: Sie ist langsam, inklusiv und auf Ausgleich bedacht. Regulierung ist ein Balanceakt. Wer ihre Freiheiten algorithmisch untergräbt, greift ihre Grundlagen an. Vor diesem Hintergrund bekommt die Debatte eine geopolitische Dimension.

Schulen mit Handyverboten verzeichnen Leistungssteigerungen von rund 6,4 Prozent, vor allem bei leistungsschwächeren Schüler:innen. Die Universität Augsburg bestätigt: weniger Ablenkung, mehr Aufmerksamkeit und besseres Wohlbefinden. Schulen berichten von weniger Cybermobbing und verbessertem Klima. Mehrere Staaten und Bundesländer reagieren: Hessen führt demnächst ein Verbot privater Smartphone-Nutzung ein, ebenso Frankreich.

Weitere internationale Studien zeigen, dass digitale Medien Demokratien zersetzen, autoritäre Bewegungen stärken, Spaltungen fördern, an der Krise der psychischen Gesundheit beteiligt sind und Jugendliche sexueller Belästigung aussetzen. Australien hat deshalb ein Social-Media‑Verbot für unter 16-Jährige eingeführt; die Niederlande, Spanien und Frankreich planen Ähnliches. Auch deutsche Parteien und zuletzt der Bundeskanzler rücken diesem Vorhaben gedanklich näher.

Die Gegenargumente sind bekannt: Pauschale Verbote erzeugen einen Ausweichreflex, sind schwer durchzusetzen und können soziale Ungleichheiten vergrößern. Schlechte Altersverifikation kann die Privatsphäre gefährden. Lehrermangel, Bürokratie und mangelnde Digitalisierung verhindern effektive Medienbildung. Doch das spricht nicht gegen Regulierung, sondern gegen Halbherzigkeit.

Lösungsstrategien

Seit zwanzig Jahren scheitert Deutschland an konsequentem digitalem Bildungsaufbau. In 20 Jahren wurde eine deutsche Generation in weitgehend unregulierten digitalen Öffentlichkeiten sozialisiert. Finnische Kinder lernen ab drei Jahren Schutzstrategien gegen kognitive Kriegsführung und KI‑Deepfakes. Auf die nächsten 20 Jahre zu warten, bis die Schulen „nachgerüstet“ sind, ist politisch bequem, aber naiv. EU-Regulierung ist wichtig, aber langsam und zunehmend US‑Lobbydruck und geopolitischen Drohungen (Ideen wie nukleare Teilhabe gäbe es nur noch bei Verzicht auf Regulierung) ausgesetzt, die sie zu verwässern oder gar ganz zu umgehen versuchen.

Ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige, kombiniert mit Smartphone-Verboten an Schulen, wäre kein Allheilmittel – aber ein Instrument, das kurzfristig mehrere Probleme adressiert: Schutzräume für Bildung, Reduktion algorithmischer Radikalisierung, Schutz der psychischen Gesundheit und geopolitisch: das Abschwächen eines Angriffsvektors der kognitiven Kriegsführung. Dazu kommt die langfristige Reduktion digitaler Abhängigkeiten – ein Signal europäischer Selbstbehauptung gegenüber US-Plattformen und autoritären Einflussstrategien.

Gleichzeitig gilt: Demokratien brauchen eigene Plattformen, die nicht auf maximaler Erregung, sondern auf demokratischen Werten beruhen. In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit zur strategischen Ressource geworden ist, müssen Verbote von Medienbildung und demokratischen Alternativangeboten begleitet werden, denn sonst verschiebt sich das Problem nur auf andere Altersgruppen.

Zu den Autoren:

Oberstleutnant i.G. Thilo Geiger ist als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IFSH tätig.
Dr. Matthias Schulze ist Leiter des Forschungsschwerpunkts Internationale Cybersicherheit am IFSH.

Zurück