In einer Phase tiefgreifender sicherheitspolitischer Veränderungen steht Deutschland vor der Aufgabe, Wehrhaftigkeit und Bündnisverpflichtungen zu stärken, ohne friedenspolitische Perspektiven aus dem Blick zu verlieren. Welche politischen und gesellschaftlichen Weichenstellungen dafür notwendig sind, war eine der zentralen Fragen beim gemeinsamen Parlamentarischen Abend der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF) und des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH). Die Veranstaltung fand am 2. Dezember 2025 in den Räumlichkeiten der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin statt.
Gesellschaft frühzeitig in Sicherheitsdebatten einbeziehen
Der Schirmherr der Veranstaltung und Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp, MdB, eröffnete den Abend mit einer Einschätzung zu den drängendsten sicherheitspolitischen Herausforderungen für Deutschland und Europa. Er betonte, dass eine tragfähige sicherheitspolitische Debatte nur möglich sei, wenn die Gesellschaft frühzeitig einbezogen werde. In diesem Zusammenhang verwies er auf die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland und hob hervor, wie wichtig es sei, friedenspolitische Perspektiven langfristig mitzudenken.
Daran knüpfte Prof. Dr. Ulrich Schneckener, Vorstandsvorsitzender der DSF und Moderator des Abends, in seinem Grußwort an. Der Austausch habe das Ziel, die komplexen Probleme der transatlantischen, europäischen und deutschen Sicherheitspolitik ebenso zu diskutieren wie das Spannungsverhältnis zwischen Sicherheit und Frieden. Der andauernde russische Angriffskrieg gegen die Ukraine werde von fundamentalen Unsicherheiten im transatlantischen Verhältnis begleitet, die Europa vor neue strategische Herausforderungen stelle. Die europäische Sicherheitspolitik sei damit zu einem zentralen Thema für die Friedens- und Konfliktforschung geworden, wie auch das 2025 erschienene Friedensgutachten zeige.
Transatlantische Beziehungen und europäische Rolle
Den Auftakt der Impulsbeiträge machte Dr. Ulrich Kühn, Leiter des Forschungsbereichs Rüstungskontrolle und Neue Technologien am IFSH. Er zeichnete ein differenziertes Lagebild des transatlantischen Verhältnisses und beleuchtete die nukleare, konventionelle sowie ideelle Dimension der Sicherheitsbeziehungen zu den USA. Er verwies sowohl auf Risiken einer weiteren Erosion des Vertrauens als auch auf Chancen für eine stärkere, eigenständige Handlungsfähigkeit Europas.
Im Anschluss betonte Dr. Jana Puglierin, Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations (ECFR), dass sich weltweit eine Rückkehr zur Großmachtpolitik abzeichne, wovon auch die USA nicht ausgenommen seien. Europa müsse darauf reagieren, unter anderem durch Risikominimierung, vertrauensbildende Maßnahmen und den Ausbau eigener Fähigkeiten. Entscheidend sei, so Puglierin, die Erwartungen anderer europäischer Staaten an ein sicherheitspolitisch stärkeres Deutschland ernst zu nehmen.
Gesellschaftliche Perspektiven auf Wehrbereitschaft
Dr. Nina Leonhard, Projektbereichsleiterin Militärsoziologie am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), richtete den Blick auf gesellschaftliche Einstellungen zu Sicherheit und Verteidigung. Laut der jährlichen ZMSBw-Umfrage befürworte rund die Hälfte der Befragten eine Wiedereinführung des Wehrdienstes, während insbesondere Jüngere um ihre Freiheitsrechte fürchten. Entscheidend sei, so Leonhard, überzeugend zu vermitteln, was auf dem Spiel stehe, wenn Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit verliere, und wie gesellschaftliche Resilienz und Bereitschaft zur Verteidigung freiheitlicher Werte gestärkt werden könnten.
Im Anschluss fand eine lebhafte Diskussion über die in den Impulsbeiträgen aufgeworfenen Fragen statt. Zugleich bot der Abend einen Raum, in dem Abgeordnete und deren Mitarbeiter:innen Impulse aus der Forschung aufnahmen und eigene parlamentarische Perspektiven in den Dialog mit den Expert:innen einbrachten. Das Programm des Abends finden Sie hier.