Das Sachbuch "Schutz in Krisenzeiten. Sicherheit und Verteidigung für unsere Zukunft" ist am 30. April 2026 im Piper Verlag erschienen. (c) Buchcover Piper Verlag, Porträtfoto IFSH

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IFSH-Direktorin veröffentlicht Buch über Grenzen und Möglichkeiten von Schutz in Krisenzeiten 

Deutschland, Europa und die Welt sehen sich seit Jahren mit einer historisch beispiellosen Häufung von Krisen, Kriegen und Konflikten konfrontiert. So kommt es auch in Deutschland immer öfter zu Extremwetter-Ereignissen wie Überschwemmungen oder Dürren. Krankenhäuser und andere kritische Versorgungseinrichtungen werden digital angegriffen oder physisch sabotiert – wie zuletzt während des mehrtägigen Stromausfalls in Berlin geschehen. Und kaum ist die Corona-Pandemie überwunden, heizt der russische Angriffskrieg in der Ukraine die Debatte über die konventionelle Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas neu an. Wer kann uns vor all diesen Bedrohungen schützen, die mit der Klimakrise, Pandemien und dem aggressiven Machtgebaren diverser autokratischer Kräfte einhergehen? 

Bevölkerungsschutz neu denken: Wer schützt wen wovor?  

Vor diesem Hintergrund multipler Krisen befasst sich Ursula Schröder in ihrem neuen Buch „Schutz in Krisenzeiten. Sicherheit und Verteidigung für unsere Zukunft“ mit den Grenzen und Möglichkeiten unseres Schutzes. „In meinem Buch untersuche ich, wie das staatliche Versprechen auf Schutz und unsere Erwartungen daran heute neu verhandelt werden – aber auch, was der Staat im Gegenzug von uns verlangen kann,“ sagt die Autorin. Sie plädiert dafür, den Blick über militärische Verteidigung und individuellen Selbstschutz hinaus zu erweitern und eine gemeinsame, inklusive Vorstellung davon zu entwickeln, welche Werte und Güter wir künftig als Gesellschaft schützen wollen. Klar ist: Es kann im Katastrophenfall nicht alles geschützt werden, was uns wichtig ist. Anstatt in Schockstarre oder Resignation zu verfallen, zeigt Ursula Schröder Wege zu realistisch machbarem, solidarischem Handeln auf. Schutz müsse breiter gedacht werden als bisher, gerecht organisiert und praktisch umsetzbar werden, damit wir Krisen nicht nur überstehen, sondern als Gesellschaft handlungsfähig bleiben, so die Forscherin. 

Buchvorstellungen in München und Hamburg 

Das Buch ist am 30. April 2026 im Piper Verlag erschienen. Am 5. Mai stellt es Ursula Schröder in der Bayerischen Staatsbibliothek in München vor. Um eine Anmeldung wird gebeten unter veranstaltungen@bsb-muenchen.de oder telefonisch unter +49 89 28638-2115. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen finden Sie hier. Zudem wird Ursula Schröder am 11. Juni im KörberForum in Hamburg über unseren Schutz in Krisenzeiten sprechen. Auch hier wird um eine Anmeldung ab dem 28. Mai über die Website der Körber-Stiftung gebeten. Der Eintritt ist frei. 

Neues DFG-Forschungsprojekt über das Sicherheitsversprechen in katastrophischen Zeiten 

Fast zeitgleich mit der Buchveröffentlichung startete im April die DFG-Forschungsgruppe 5870: Das Sicherheitsversprechen in katastrophischen Zeiten (PROMISE). In der Forschungsgruppe arbeiten Wissenschaftler:innen der Universität Hamburg (UHH), der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU) und des IFSH interdisziplinär zusammen. Ursula Schröder ist Sprecherin des Verbundprojekts, das aus acht Teilprojekten besteht. Weitere Informationen zu den Inhalten und Teilprojekten finden Sie hier

Das IFSH hat zur Veröffentlichung des Buchs auch eine Pressemitteilung herausgegeben. Sie können sie hier als PDF-Datei lesen.

 

INTERVIEW MIT DER AUTORIN 

Frau Schröder, Ihr Buch „Schutz in Krisenzeiten“ ist soeben erschienen. Benötigt es eine Triggerwarnung? 

Nein. Im Buch geht es natürlich um Krieg und Krisen und darum, wie sie unsere Gesellschaft betreffen. Es will aber nicht dramatisieren, sondern zeigen, welche Handlungsmöglichkeiten wir in einer schwierigen Lage haben. Das Buch ist illusionslos, aber nicht pessimistisch: Es widerspricht der bequemen Hoffnung, dass sich alles von selbst wieder einrenken wird. Resignation und den Kopf in den Sand zu stecken, helfen nicht weiter. Ganz im Gegenteil: Mich interessiert, wie wir in einer krisenhaften Zeit neue Wege finden können, um uns zu schützen. Mein Argument ist, dass wir Schutz anders denken müssen als bisher: umfassender, kooperativer und inklusiver. Das ist anspruchsvoll, aber kein pessimistisches Projekt. Es ist eine Einladung zu besserer demokratischer Gestaltung. 

Wie viel „Prepper-Attitüde“ ist eigentlich für den persönlichen Schutz in Krisenzeiten angemessen? 

Ein gewisses Maß an Vorsorge: ja. Ein Prepper-Weltbild: nein. Der Staat kann uns in einer großen Krise nicht sofort und vollständig versorgen. Ein Mindestmaß an Eigenvorsorge gehört deshalb dazu. Das wissen bislang nur noch nicht alle. Krisenvorsorge darf aber keine Privatsache derjenigen werden, die genug Geld, Platz und Ressourcen dafür haben. Wir brauchen eine Krisenvorsorge, die solidarisch und alltagstauglich ist. Unser Schutz muss so organisiert werden, dass im Krisenfall niemand zurückgelassen wird. 

Am IFSH dreht sich alles um Frieden und Sicherheit. Geht es in Ihrem Buch vornehmlich um Sicherheit? 

Ja, aber nicht im engen Sinn. In meinem Buch geht es weniger um Frieden als um die Frage, wie wir Schutz und Sicherheit in einer neuen Zeit der Krisen organisieren können. Mein Argument ist, dass wir unseren Schutz heute nicht nur militärisch verstehen und auch nicht einfach an den Staat delegieren können. Schutz muss inklusiver, kooperativer und gerechter gedacht werden. Das Buch fragt, was Schutz heute eigentlich bedeutet, wer Verantwortung dafür trägt und wie wir ihn so organisieren können, dass er demokratisch, solidarisch und zukunftsfähig ist. 

Die Fokussierung auf nationale Interessen boomt in Krisenzeiten. Was heißt das für globale Krisen wie den Klimawandel? 

Nichts Gutes. Die Klimakrise darf nicht hinter der Verteidigungsfrage verschwinden. Der Krieg in Europa ist für viele derzeit das drängendste Sicherheitsthema. Aber es wäre fatal, deshalb andere Bedrohungen aus dem Blick zu verlieren. Der Klimawandel schreitet katastrophal schnell voran. Hitze, Dürre, Fluten und Stürme sind längst Sicherheitsfragen. Gerade deshalb ist die Klimakrise keine Nebenfrage der Sicherheitspolitik, sondern eine ihrer zentralen Herausforderungen. Und sie zeigt besonders deutlich: Nicht alle großen Bedrohungen lassen sich militärisch beantworten. Umso wichtiger ist es, Klimaschutz, Anpassung und globale Kooperation im Zentrum der Sicherheitsdebatte zu halten. 

Ihr Kollege Thilo Geiger rät gerne zu „keep calm and carry on“, da allgemeine Verängstigung und gesellschaftliche Destabilisierung dezidierte Ziele hybrider Kriegsführung seien. Wie unruhig sollten wir Ihrer Meinung nach schlafen? 

Ich schlafe gut. Nicht in Panik zu verfallen, ist ganz sicher ein richtiger Hinweis. Gerade wenn es um gezielte Falschinformationen, das Schüren diffuser Ängste oder das Aufbauschen von Gefahren geht. Mein Vorschlag geht allerdings darüber hinaus: Politisches Durchwursteln genügt nicht mehr. Bloßes Verwalten, Nachjustieren und Reagieren auf akute Lagen reichen schlicht nicht mehr aus. Wir brauchen klare politische Orientierung, langfristige Ziele und den Mut zu grundlegenderen Entscheidungen. Mit der alten Devise „Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“ kommen wir politisch nicht weiter. Wir brauchen weniger akut krisengetriebene Politik und mehr langfristige Ziele und Orientierung. 

Das IFSH berät seit Jahrzehnten die Politik zu Frieden und Sicherheit. Was sind die aktuell wichtigsten Ratschläge aus Ihrer Sicht? 

Es fehlt nicht an Vorschlägen, sondern an konsequenter Umsetzung. Gerade im Bevölkerungsschutz wird der bisherige Flickenteppich von Insellösungen nicht mehr ausreichen. Einzelmaßnahmen sind wichtig, aber sie brauchen eine gemeinsame Richtung und bessere Steuerung. Gleichzeitig fehlt ein überzeugendes politisches Narrativ dafür, wie wir als Gesellschaft durch härtere Krisenzeiten kommen wollen – und was das konkret von uns verlangt. Dafür braucht es eine ehrliche, klare Kommunikation, auch über notwendige Vorsorge. Nicht zuletzt müssen Ehrenamtliche verlässlicher abgesichert und Kommunen so ausgestattet werden, dass sie ihre zentrale Rolle im Krisenfall tatsächlich wahrnehmen können. 

Das Interview führte Dirk Hans.

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