Die Einstellungsforschung ist bis heute stark von quantitativen Studien und Surveys geprägt. Dabei entstand die Meinungsforschung in den 1950er Jahren als ein Paradigma, das quantitative und qualitative Zugänge miteinander verband, mit dem Ziel, öffentliche Meinungen nicht nur zu vermessen, sondern auch die Prozesse und Mechanismen der Meinungsbildung genauer zu verstehen. Qualitative Methoden haben in der Meinungsforschung seither jedoch zunehmend an Bedeutung verloren. Das Netzwerk „Qualitative Forschung zur öffentlichen Meinung" der Deutschen Forschungsgemeinschaft möchte diese Tradition wiederbeleben.
Das Netzwerk entstand in der Überzeugung der Mitglieder, dass qualitative Methoden besonders geeignet sind, um den gegenwärtigen Krisen demokratischer Gesellschaften auf den Grund zu gehen. Damit ist jene Gemengelage aus sozioökonomischen Transformationsprozessen, Medienwandel, dem Erstarken rechtspopulistischer und anti-demokratischer Politik sowie dem Klimawandel gemeint, die in der Politikwissenschaft vielfach als „Polykrise" bezeichnet wird. In den kommenden drei Jahren widmen sich die Mitglieder des Netzwerks dabei insbesondere drei Themenfeldern: (1) der Entstehung neuer gesellschaftlicher Spaltungslinien, etwa Polarisierung, Realignment und neuen politischen Konflikten wie jenen, die zum Aufstieg rechtspopulistischer Parteien beitragen; (2) der wahrgenommenen Emotionalisierung von Politik und öffentlichen Debatten; sowie (3) dem Problem von Fehlinformation und der Rolle sich wandelnder Mediensysteme in einer vielfach als „postfaktisch" beschriebenen Ära.
Dem Netzwerk gehören neunzehn Wissenschaftler:innen aus Politikwissenschaft, Soziologie und Ethnologie an, darunter IFSH-Wissenschaftlerin Dr. Julia Leser, die sich in der frühen Karrierephase befinden. Es wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und von Linus Westheuser, Anna Berg und Lena Röllicke organisiert.
Das Auftakttreffen des Netzwerks fand am 3. und 4. Juli 2026 am Max-Planck-Institut in Göttingen statt, mit Keynotes von Josh Pacewicz (Brown University) und Gabriel Abend (Universität Göttingen). Zudem wurden laufende Forschungsprojekte vorgestellt, methodische Fragen diskutiert und Themen gesammelt, zu denen das Netzwerk in den kommenden drei Jahren arbeiten wird.