Eigene Clouds, eigene Chipherstellung, eigene KI-Modelle: Trotz milliardenschwerer Investitionen in digitale Souveränität dominieren in Europa digitale Lösungen ausländischer Anbieter. Jährlich fließen rund 264 Milliarden Euro an nicht-europäische Cloud- und Softwareanbieter. Darin liegt ein Dilemma: Europa finanziert seine eigene Abhängigkeit.
Der entscheidende Engpass liegt möglicherweise weniger bei den Investitionen als bei der Nachfrage. Solange öffentliche Stellen und Unternehmen nicht-europäische Anbieter nutzen, weil sie günstiger und bequemer sind, können sich europäische Alternativen kaum durchsetzen. Digitale Souveränität meint dabei nicht Autarkie, sondern Handlungsfähigkeit im Ernstfall.
Wir zahlen doppelt: mit Geld und mit Handlungsfähigkeit
Wie schwer es selbst europäische Vorreiter haben, zeigt Mistral: Im Juli schloss das französische KI-Unternehmen ein milliardenschweres Abkommen mit Microsoft. Mistral profitiert dadurch von Microsofts Vertriebsnetz und Infrastruktur. Zugleich stellt sich jedoch die Frage, wie Europa digitale Souveränität erreichen kann, wenn selbst seine führenden KI-Unternehmen für Wachstum und Marktzugang auf US-Konzerne angewiesen sind.
Wie teuer es werden kann, strategische Abhängigkeiten erst im Nachhinein zu korrigieren, zeigt sich der Fall Huawei und ZTE. Europäische Netzbetreiber haben jahrelang Komponenten der beiden chinesischen Unternehmen verbaut. Damals war das rational: Die Technik war günstig und konkurrenzfähig, zudem fehlten explizite Vorgaben. Inzwischen hat sich das Sicherheitsverständnis jedoch geändert. Die EU-Kommission plant mit dem Cybersecurity-Act 2 einen Kurswechsel. Der Rückbau dürfte sich laut Mobilfunkverband (GSMA) auf 30 bis 40 Milliarden Euro an direkten Austauschkosten belaufen, die EU-Kommission rechnet mit 10 bis 13 Milliarden. Ob 10 oder 40 Milliarden Euro: Der Preis fällt an, weil Europa die strategischen Folgen seiner Beschaffung erst bedenkt, wenn die Abhängigkeit bereits besteht.
Wer zentrale Verwaltungs- und Kommunikationssysteme ausländischen Anbietern überlässt, macht ihren Betrieb von Entscheidungen außerhalb Europas abhängig. Wie Dienste von außen abgeschaltet werden können, zeigt der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag: 2025 wurde nach US-Sanktionen gegen den IStGH das Microsoft-E-Mail-Konto seines Chefanklägers gesperrt. US-Konzerne setzen politische Entscheidungen aus Washington also auch gegenüber Einrichtungen in Europa um. Auch Exportkontrollen können Europa treffen, etwa wenn Hersteller keine Sicherheitsupdates mehr liefern dürfen und Geräte dadurch angreifbar werden. Digitale Souveränität bemisst sich daher daran, wer im Konfliktfall über Daten, Betrieb und Zugang entscheidet.
Europäische Alternativen brauchen Nachfrage
Aktuell ist eine vollständige Unabhängigkeit von US-Anbietern unrealistisch. Nötig sind deshalb belastbare Alternativen, die Möglichkeit zum Anbieterwechsel und die Kontrolle über die eigenen Systeme. Lösungen aus anderen nicht europäischen Ländern wären nur eine Verlagerung der Abhängigkeit. Dabei geht es jedoch nicht um Abschottung, die in einer globalisierten Welt ohnehin nicht möglich wäre, sondern darum im Ernstfall eine nutzbare Wahl zu haben. Hinzu kommt der menschliche Faktor: Solange wir Alternativen nicht schon in der Ausbildung vermitteln, greift die Mehrheit aus Gewohnheit immer wieder auf die bekannten US-Lösungen zurück.
Sinnvoll wären zudem gesetzliche Bestimmungen, die einen festen Anteil öffentlicher Aufträge für europäische Anbieter vorschreiben. In diese Richtung geht der Public Procurement Act, dessen Vorschlag die EU-Kommission am 9. September vorgelegt hat. Der Vorschlag sieht jedoch keine verbindlichen Quoten vor, erlaubt aber europäische Angebote zu bevorzugen. Das Gesetzgebungsverfahren für den Vorschlag soll bis Ende 2027 abgeschlossen sein, gefolgt von einer zweijährigen Übergangsphase bis zum Geltungsbeginn.
Neben Gesetzen braucht es Aufklärung über die Risiken digitaler Abhängigkeiten, in Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Europa muss verhindern, dass kritische Abhängigkeiten unumkehrbar werden. Digitale Souveränität beginnt dort, wo Europa eine echte Wahl hat und sie im Ernstfall auch nutzen kann.
Über die Autorin:
Lena-Sophie Drews ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsschwerpunkt Internationale Cybersicherheit am IFSH.