Dr. Julia Leser (c) Marcus Held

IFSH-Wissenschaftlerin erhält Förderung des Europäischen Forschungsrats für Demokratieforschungsprojekt

Dr. Julia Leser, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich “Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Innere Sicherheit” am IFSH, hat einen Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) für ihr Forschungsprojekt „Reconfiguring Democracy from Below: Micro-Practices of State-Remaking in Times of Far-Right Populism (MicroDemos)” erhalten. Die Fördersumme beläuft sich auf rund 1,75 Mio. Euro.  

Zusammen mit zwei weiteren Wissenschaftler:innen wird sie untersuchen, wie staatliche Institutionen mit demokratischen Erosionsprozessen umgehen und wie sie ihre Handlungsfähigkeit bewahren. Das Projekt richtet den Blick auf Orte, wo Demokratie täglich praktisch umgesetzt und auch zunehmend auf die Probe gestellt wird. In lokalen staatlichen Institutionen wie Schulen, Polizeidienststellen oder Museen treffen Staat und Bürgerinnen und Bürger aufeinander. In diesen alltäglichen Begegnungen und Entscheidungen vollziehen sich demokratische Erosionsprozesse häufig still und schrittweise: Ein Museumsprogramm wird umgestaltet, eine Ausstellung verschwindet, eine Lehrkraft beginnt, sich selbst zu zensieren, nicht aufgrund direkter Anweisungen, sondern aus der Antizipation von politischem Druck. 

Die bisherige Forschung zu demokratischen Erosionsprozessen und “democratic backsliding” konzentriert sich überwiegend auf Eliten, Parteien und Verfassung. Doch was bei den Menschen, die demokratische Normen tagtäglich in der Praxis umsetzen, im Arbeitsalltag geschieht, ist empirisch kaum untersucht. Dabei sind es oft genau diese Kontexte, in denen politische Veränderungen als Erstes spürbar werden. Das Projekt MicroDemos setzt den Fokus deshalb auf sogenannte Street-Level-Bureaucrats: Lehrkräfte, Polizist:innen sowie Mitarbeitende von Kultureinrichtungen in drei europäischen Regionen: Ostdeutschland, Ostpolen und Süditalien. Das Projekt fragt, was im Arbeitsalltag staatlicher Institutionen eigentlich passiert, wenn rechtspopulistische und -extreme Akteure an Einfluss gewinnen und unter welchen Bedingungen Anpassung an politische Veränderungen oder Widerstand gegen diese wahrscheinlicher werden. Dazu kombiniert das Forschungsteam ethnografische Beobachtungen, Interviews und partizipative Forschungsmethoden in drei institutionellen Sektoren: Bildung, Sicherheit und Kultur. 

Das Forschungsteam hinter MicroDemos legt dabei großen Wert auf kollaborative und partizipative Verfahren. Gemeinsam mit den untersuchten Institutionen und ihren Mitarbeitenden soll eine digitale Infrastruktur für demokratische Resilienz entwickelt werden, mit Werkzeugen für kollegialen Austausch, Unterstützung und Vernetzung. Ein Dokumentarfilm soll die Erfahrungen und Strategien der Betroffenen sichtbar und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Das Projekt möchte damit auch einen Beitrag zum UN-Nachhaltigkeitsziel 16 „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“ leisten. 

Über den ERC: 

Der European Research Council (ERC) fördert exzellente und innovative Projektideen von herausragenden Wissenschaftler:innen aller Forschungsdisziplinen. Mit dem ERC Starting Grant werden vor allem Wissenschaftler:innen in frühen Karrierephasen über maximal fünf Jahre gefördert. 

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