Das Wahlergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 hat im deutschen und internationalen Diskurs für Erschütterung gesorgt. Das Bundesland mit gut 2.1 Millionen Einwohner:innen schaffte es am Wahlsonntag sogar auf den Titel der New York Times. Die AfD erreichte 43,8 Prozent und erzielte damit ihr bislang höchstes Ergebnis bei einer Landtagswahl überhaupt. Sie verpasste die absolute Mehrheit nur um drei Mandate.
Keine deutsche Ausnahme
Der internationale Schock erklärt sich vor allem mit der tiefsitzenden Annahme, Deutschland habe seine faschistische Vergangenheit aufgearbeitet und Schutzbarrieren aufgebaut, um eine erneute Faschisierung zu verhindern. Doch Deutschland ist im Trend des globalen Rechtsrucks keine Ausnahme.
Während sich liberale Parteien und Medien bestürzt zeigen, feierten rechte Politiker:innen weltweit den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt. Auf dem Weg in das anstehende Superwahljahr in Europa sehen viele in Sachsen-Anhalt einen Richtungsanzeiger. In den kommenden Wochen wird in Schweden und Lettland gewählt, dazu in zwei weiteren deutschen Bundesländern. Für 2027 stehen in Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland und Polen Wahlen an, die weitere demokratische Systeme ins Wanken bringen könnten.
Der Osten ist kein Sonderfall
Noch immer steht Ostdeutschland im Fokus populärer Debatten: als vermeintlicher Sonderfall autoritären Wahlverhaltens. Tatsächlich hat sich die AfD im Osten sehr erfolgreich eines Widerstandsnarrativs bedient, das an die Erfahrungen der Friedlichen Revolution 1989 anknüpft, um Wähler:innen zu gewinnen. Doch die Tendenz zur AfD-Wahl steigt längst auch im Westen. Falls den demokratischen Parteien wie bislang keine effektive Gegenstrategie einfällt und sich die bisherigen Trends fortsetzen, ist es eine Frage der Zeit, bis die AfD im Westen ähnliche Zustimmungswerte erreichen wird. Bundesweit ist sie in aktuellen Umfragen mit rund 27 Prozent stärkste Kraft.
Sieben Perspektiven auf demokratische Herausforderungen der nahen Zukunft
Was dieser Kurs für die Demokratie in Deutschland (und darüber hinaus) bedeutet, haben wir in dieser Reihe aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: für die Kultur-, Sicherheits-, Bildungs-, Familien-, Migrationspolitik, für die reproduktiven Rechte von Frauen* und für parteipolitische Dynamiken und Strategien. Die verschiedenen Perspektiven zeigen, dass mit zunehmendem Einfluss der AfD eine gezielte Verschiebung stattfinden wird. Dort, wo der Staat Schutz, Förderung und Fürsorge organisieren müsste – etwa für Geflüchtete, Kinder, Frauen und Minderheiten – soll er sich laut den AfD-Plänen zurückziehen und Verantwortung abgeben. Wo er Kontrolle und Disziplinierung ausüben kann – im Sicherheitsapparat, gegenüber marginalisierten Communities und als ‘unbequem’ verstandenen Personen, z. B. in Wissenschaft und Kultur – soll er gestärkt werden.
Die globale Rechte lernt voneinander, schaut sich Strategien von Autokrat:innen im Ausland ab. Ähnlich wie unter Donald Trump in den USA ist von der AfD gleichzeitig ein Mehr und Weniger an Staat zu erwarten: weniger Schutz, mehr Zugriff, weniger Rechtsstaat, mehr Unsicherheit. Bildung und Kultur werden besonders ins Visier geraten. Das zeigen die Erfahrungen mit rechten Regierungen in Ungarn, Polen, Serbien und den USA. Letztendlich steht auf dem Spiel, wie Demokratie gelebt werden kann, wen sie schützt und für wen sie sorgt. Ein Verlust unserer Demokratie betrifft letztlich alle.
Zu den Autor:innen:
Dr. Hanna Pfeifer leitet den IFSH-Forschungsbereich “Gesellschaftlicher Frieden und Innere Sicherheit”.
Reem Ahmed ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im IFSH-Forschungsbereich “Gesellschaftlicher Frieden und Innere Sicherheit”.
Dr. Julia Leser ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im IFSH-Forschungsbereich “Gesellschaftlicher Frieden und Innere Sicherheit”.
Dr. Anne Menzel ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im IFSH-Forschungsbereich “Gesellschaftlicher Frieden und Innere Sicherheit”.
Dr. Ann-Kathrin Rothermel ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im IFSH-Forschungsbereich “Gesellschaftlicher Frieden und Innere Sicherheit”.
David Weiß ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im IFSH-Forschungsbereich “Gesellschaftlicher Frieden und Innere Sicherheit”.
Zur Kurzanalyse:
Sie ist die achte in der Reihe von IFSH-Kurzanalysen rund um die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die am Sonntag, 6. September, stattgefunden hat.